Runaway 3: Der Welpe und der Wolf
»Dies ist nicht die Nacht für miese Witze, Bürschchen!«
Der Fremde runzelt wütend die Stirn, wodurch seine wölfische Fratze noch finsterer wird. Fast meine ich, dass seine Augen für einen kurzen Moment bedrohlich aufglühen. »Was zum Henker treibst du hier, Welpe! Wo stecken deine Leute?«
»Checkst du es nicht, Alter?«, platzt es heftig aus mir heraus. »Ich habe keine Leute! Ich bin allein unterwegs! Seit zwei Jahren! Ich habe keinen blassen Schimmer von dieser ganzen Werwolf-Scheiße!« Dabei reiße ich das Maul weit auf, damit er meine Reißzähne betrachten kann. Dazu zeige ihm beide Mittelfinger, die in gebogenen Klauen enden. Kein besonders epischer Auftritt, zugegeben. Aber meiner derzeitigen Laune mehr als entsprechend.
Mein Gegenüber starrt grimmig auf mich hinab. Ich kann sehen, wie es hinter seiner gerunzelten Stirn arbeitet. Wahrscheinlich überlegt er, ob er mich gleich an Ort und Stelle umbringen soll. Minutenlang halten wir uns gegenseitig fest im Blick. Warten darauf, dass der andere etwas tut.
»Verdammt!«, stößt der großer Kerl plötzlich schnaufend hervor. Er sieht hinauf zur fahlen Mondscheibe, als würde er von dort einen Rat zugeflüstert bekommen. »Ich hätte einfach weiterfahren sollen…“ murmelt er leise zu sich selbst. Dann greift er tief in die Tasche seines stinkenden Mantels. Sofort spanne ich trotz meiner Erschöpfung die Muskeln an. Zieht er eine Waffe? Etwas Kleines schimmert metallisch im Licht der Straßenlaternen. Eine routinierte Handbewegung – und die blau-orange Flamme eines Sturmfeuerzeugs flackert auf. Der Fremde zündet sich eine Zigarette an und steckt sie sich zwischen die Lippen. Misstrauisch beobachte ich, wie er hinüber zu einer schäbigen Gartenbank trottet, die auf dem herrenlosen Grundstück vergessen worden ist. Ohne mich eines Blickes zu würdigen, lässt er seinen muskulösen Körper auf die marode Bank fallen. Das Ding ächzt und knackt altersschwach unter seinem Gewicht. Graublauer Zigarettenrauch hüllt sein düsteres Gesicht mit den schwarzen Haaren und den brennenden Augen ein, die nun wieder lauernd auf mich gerichtet sind. »Caruso«, brummt er mit rauer Stimme.
»Was?« Ich verstehe nur Bahnhof und Abfahrt. Der Fremde knurrt genervt. »Das ist mein Name. Ca-ru-so! Wie nennt man dich, Welpe?« Ich sammele meine Kräfte und löse mich von der Hauswand, gegen die ich gesunken bin. Meine Knie sind noch ziemlich weich. Doch ich schaffe es, aufrecht zu stehen. Trotzig erwidere ich seinen Blick. Ich habe auf die harte Tour gelernt, dass Schwäche zeigen stets die falsche Entscheidung ist. Noch immer sträuben sich meine Nackenhaare, wenn ich daran denke, wie beiläufig Caruso Zorros Handgelenk gebrochen hat. Ich weiß zwar nicht, wer der Typ ist, aber ich weiß, was er ist: verdammt gefährlich. Er darf mich nicht für ein leichtes Opfer halten. »Nenn mich gefälligst nicht Welpe! Ich bin Runaway!«, antworte ich so selbstbewusst wie nur möglich. Caruso zieht an seiner Zigarette und schließt kurz die Augen.
»Runaway«, wiederholt er nachdenklich. »Guter Name.«
Bevor er noch was sagen kann, komme ich ihm zuvor. »Du bist der Typ von heute Abend! Aus der Bibliothek!« Caruso nickt mit einem anerkennenden Grinsen. »In der Tat. Gut wiedererkannt.« Er bleckt sein Raubtiergebiss. »Auch wenn ich da noch etwas zahmer ausgesehen hab. Ebenso wie du.«
Energisch verschränke ich die Arme vor der Brust. »Und jetzt bist du rein zufällig hier aufgetaucht? Gerade rechtzeitig, um dazwischen zu gehen, als Zorro mich abstechen wollte? Vergiss es, Alter! Das kannst du sonst wem erzählen!«
Caruso nimmt die Zigarette aus dem Mund und deutet mit dem glühenden Ende auf mich. »Sehr gut! Du bist clever und misstrauisch, Runaway! Das sind wertvolle Eigenschaften. Möglicherweise bist du ungeachtet deiner Jugend doch kein unverbesserlicher Idiot.«
Ein dreckiges Lachen, das sich fast wie Husten anhört, steigt aus seiner Kehle hervor. »Natürlich bin ich nicht aus purem Zufall hier. Sagen wir, unsere nächtliche Begegnung ist zu 50 % Zufall und zu 50 % kalte Berechnung. Vielleicht auch eher 30 zu 70.« Er legt eine kurze Pause ein, um an seinem Glimmstängel zu ziehen. »Also, du kennst mich nicht und ich kenne dich nicht. Anscheinend sind wir beide verschlagene Kreaturen. Da wir aber offenkundig eine gemeinsame Abstammung teilen, unterbreite ich dir einen gerechten Vorschlag: Antworten gegen Fragen.« Ich ziehe eine Augenbraue hoch. »Antworten gegen Fragen?« Caruso nickt und saugt wieder an seiner Zigarette. »Ich habe dir meinen Namen gesagt. Du hast mir deinen genannt. Und so machen wir weiter. Ich stelle dir eine ernstgemeinte Frage und bekomme eine ehrliche Antwort. Dann stellt du mir eine deiner Fragen, die du sicherlich haben wirst. Und ich werde dir ebenso nach besten Wissen und Gewissen antworten.«
Angespannt kaue ich auf meiner Unterlippe herum. Autsch! Das tut weh! Augenblicklich habe ich den metallischen Geschmack von Blut auf der Zunge. Sich mit Fangzähnen auf der Lippe herumzukauen war eine bescheuerte Idee! Ich spucke blutigen Speichel auf den dreckigen Boden. Dabei denke ich immer noch nach, ob ich wirklich mit Caruso reden möchte. Mir ist absolut klar, dass er mir bloß Infos aus der Nase ziehen will. So lange der Alte mich am Reden hält, kontrolliert er die Situation. Einerseits hat er bereits zugegeben, dass er nicht durch Zufall hier aufgekreuzt ist. Was will er von mir? Meine Gedanken überschlagen sich. Könnte es sein, dass er irgendwie mit Viktor in Verbindung steht? Haben sie zusammen gearbeitet? Dann wäre das alles hier eine Falle. Natürlich hätte er mich in meinem geschwächten Zustand längst überwältigen können. Wieder denke ich an Zorros gebrochenes Handgelenk. Caruso ist nicht der Typ, der davor zurückschreckt, anderen Gewalt anzutun. Das steht mal fest.
Andererseits weiß er hundert Pro mehr über den ganzen Werwolf-Scheiß als ich. Wie hat er gesagt: wir gehören der gleichen Abstammung an? Wenn ich von irgendwem mehr über diese verfluchte »Krankheit« erfahren kann, dann sicher von Caruso.
»Einverstanden«, knurre ich daher ohne jede Begeisterung.
Caruso nickt. »Sehr gut. Ich hoffe nur, dass deine Denkprozesse nicht immer so lange dauern.« Er wirft die Reste seiner Zigarette fort. Ich setzte mich ihm gegenüber auf einen klapprigen Gartenstuhl, der hier ebenso vergessen wurde wie die Bank. »Ich bin der Ältere. Also beginne ich«, stellt Caruso klar. »Erste Frage: Hast du jemals andere Gestaltwechsler getroffen?«
Ich schüttele den Kopf. »Nein. Noch nie. Wie hast du mich gefunden?« Carusos Antwort fällt länger aus als meine: »Der Zufall wollte es, dass wir ausgerechnet zur gleichen Zeit in dieser Stadt sind. Vor ein paar Tagen ist mir am Nixenbrunnen völlig unerwartet der Geruch eines Verwandten in die Nase gestiegen. Ich konnte die Fährte bis zu einer S-Bahnhaltestelle in der Mozartstraße verfolgen. Da riss sie dann ab.«
Der Nixenbrunnen?, frage ich mich überrascht. Es gibt einen öffentlichen Platz, einige Straßenzüge von unsere Fußgängerzone entfernt. Dort steht ein Springbrunnen, an dessen Rand die Statue einer Meerjungfrau mit Muschelkrone und Fischschwanz sitzt.
Jeden Donnerstag findet da ein Markt statt. Die Gang geht manchmal hin, um zu klauen.
Ich hatte erst einmal die Chance dabei mitzumachen. Und Caruso hat mich dort irgendwie gerochen? »Zwar hatte ich deine Fährte verloren. Aber ich wusste nun, dass ein Verwandter dort war und sich vielleicht noch immer Esenberg aufhielt. Also bin ich auf die Pirsch gegangen.
Vor zwei Tagen habe ich deinen Geruch in der Fußgängerzone wiedergefunden. Der Rest war einfach. Ich habe mich auf die Lauer gelegt und dich mitten unter diesen anderen kleinen Dieben und Schmarotzern aufgespürt. Ich bin dir auf den Fersen geblieben. Seit gestern weiß ich, dass ihr in dieser Bruchbude euren Unterschlupf habt.« Caruso grinst höhnisch. »Aber du hast mich nicht bemerkt! Selbst als ich dich in der Bibliothek provoziert habe, ist dir meine wahre Natur entgangen. Du hast noch viel zu lernen, Welpe!«
Ich hasse es, wenn Leute mich so von oben herab behandeln. Mir ihre Überlegenheit unter die Nase reiben und sich dabei mehr oder weniger still ins Fäustchen lachen. Wütend bemerke ich, wie mein Herz wieder schneller zu klopfen beginnt.
»Und wozu der ganze Aufwand?«, frage ich gereizt.
»Gute Frage. Merk sie dir«, erwidert Caruso. Er beugt sich vor. »Denn nun bin ich wieder damit dran, eine Frage zu stellen. Und als kleinen Tipp rate ich dir, etwas ausführlicher zu antworten als eben. Ansonsten fallen meine Antworten für dich nämlich ebenfalls sehr spärlich aus! Kapiert?« Notgedrungen nicke ich. »Schön, dass wir uns da einig sind. Meine Frage lautet:
Wie bis du aufgewachsen und dann hier in der Gosse von Esenberg gelandet?« Ich bin echt kein Fan davon, anderen meine Lebensgeschichte zu erzählen. Hab ich in Wohngruppen und Jugendämtern dauernd machen müssen. Natürlich ist mir klar, dass Caruso mir keine Wahl lässt. Leider ist er in der stärkeren Position. »Direkt nach der Geburt wurde ich in einer Babyklappe abgelegt. Das war unten in Freiburg. Einfach so. Keine Nachricht. Keine Warnung: Achtung, Monsterbaby! Ich kam in eine Notpflegefamilie. Da waren noch andere Kinder. Aber keines war so…« Ich zögere. »Wild? Aggressiv? Jedenfalls war ich schon als Hosenscheißer eine Herausforderung. Alle Schulen, auf denen ich jemals gewesen bin, waren für mich voll ätzend. So viel herumsitzen. Ich wollte nur rennen, klettern, und immer bloß… weg. Weit weg. Keine Ahnung, warum oder wohin.»
Caruso nickt wissend. »Ein starker Wandertrieb liegt unsereins im Blut. Wir leben meistens mehr oder weniger als Nomaden. Ein sesshaftes Leben entspricht nicht unserer Natur. Nichts auf der Welt ist uns wichtiger als unsere Freiheit! Jetzt erzähl weiter.»
»Eines Nachts bin ich einfach abgehauen. Da war ich erst sechs Jahre alt. Nach zwei Tagen hatte mich die Polizei eingefangen und zurückgebracht. Drei Wochen später bin ich wieder ausgebüxt. Wieder geschnappt worden. Kam in eine anderen Familie. So ging es immer weiter. Abhauen. Eingefangen werden. Neue Wohngruppe. Wieder verschwunden. Drei oder vier Tage lang. Dann gefangen genommen. Therapiesitzungen. Geschlossene Wohngruppe. Streiterei und Kämpfe. Erneut geflohen. Nun lebe ich seit fast zwei Jahren dauerhaft auf den Straßen. Wenn ich ausraste, ziehe ich weiter in die nächste Stadt. Weil dann so was passiert.«
Ich starre auf die messerscharfen Krallen an meinen Fingern.
»Interessant«, brummt Caruso. Irre ich mich, oder klingt da ein Hauch von Anerkennung in seiner Stimme durch? »Wann hat sich dein Körper das erste Mal bei einem deiner Wutanfälle verändert?« Ich muss nicht lange überlegen. Das werde ich nie vergessen. »Es war kurz vor meinem zwölften Geburtstag. Ein anderer Junge aus der Wohngruppe hatte mich geschlagen. Ich schlug zurück. Die Betreuter gingen dazwischen, haben jeden in sein Zimmer geschickt. Meine Haut hat furchtbar gejuckt. Als ich allein war, stellte ich fest, dass mir fast am ganzen Körper rote Haare gewachsen waren. Kein richtiges Fell. Aber überall kurze, rote Härchen: Arme, Beine, Bauch, Brust und Rücken. Sogar am Arsch! Voll eklig.«
Mir liegt auf der Zunge, dass ich damals unglaubliche Angst bekam. Mir war sofort klar gewesen, dass dieser Haarwuchs nicht normal war. Ich heulte und versuchte, die Haare auszureißen und abzukratzen. Ging natürlich nicht. Aber am nächsten Morgen waren sie einfach wieder verschwunden. Ich hatte ein paar Nächte Alpträume wegen diesen grässlichen Haaren. Doch das werde ich Caruso auf keinen Fall erzählen. Bloß keine Schwäche zeigen! »Das waren jetzt zwei Antworten von mir! Nun werde ich zwei Fragen stellen«, sage ich mit fester Stimme. Caruso grinst wieder dreckig. »Gut mitgezählt! Du lässt dir nicht das Fell über die Ohren ziehen. Das gefällt mir!« Er lehnt seinen massigen Körper entspannt zurück. Die Bank knackt und quietscht, als würde sie um einen Gnadenschuss betteln. Caruso steckt sich eine weitere Zigarette an. »Also her mit deinen Fragen.«
Misstrauisch betrachte ich seine groben Gesichtszüge, damit mir keine noch so kleine verräterische Regung entgeht. »Mein ganzen Leben hab ich keinen anderen Werwolf getroffen. Jetzt schnüffelst du zufällig in Esenberg herum und riechst, dass ich einer bin? Warum ist mir bislang keiner begegnet? Und warum habe ich mich heute fast im Schlaf verwandelt? Das ist noch nie passiert!«
Caruso nimmt die Zigarette aus dem Mund und bläst eine Menge Rauch in den kalten Nachthimmel. Das Mondlicht lässt den Qualm silbern schimmern. »Drei«, sagt er nur. »Das sind drei Fragen. Ich bin dir bloß zwei Antworten schuldig. Aber der alte Caruso will mal nicht so sein.« Er hebt seinen linken Daumen. »Erstens: Ich kann sehr deutlich riechen, dass du zur selben Art wie ich gehörst. Unter all diesem öden Menschenduft wittere ich den wilden, freien Geruch deiner anderen Gestalt. Jeder von uns kann seine Verwandten riechen und so von den Menschen unterscheiden.« Ach wirklich? Probehalber schnuppere ich. Von Caruso nehme ich aber nur den kalten, widerlichen Gestank von altem Zigarettenrauch war. Der schlechte Geruch hängt nicht bloß in seinem Mantel. Der Typ dünstet ihn aus jeder Pore aus.
Caruso hebt den linken Zeigefinger.»Zweitens: Das ich der erste bin, der dich gerochen hat, liegt zunächst daran, dass es leider nicht mehr so viele von uns gibt. Die guten alten Zeiten, in denen wir Gestaltwechsler uns zuhauf in der Wildnis herumtrieben, sind seit Jahrhunderten vorbei. Gut möglich, dass ich der einzige Verwandte bin, der dir bis heute über den Weg gelaufen ist. Und selbst wenn es nicht so wäre…« Caruso schnüffelt in meine Richtung. »Deine erste Vollverwandlung ist noch nicht lange her, korrekt? Ich rede nicht von ein bisschen struppiger Körperbehaarung oder ein paar süßen Krallen, so wie jetzt gerade. Nein, ich meine das Komplettpaket! Die große Bestie! Das ist erst einmal passiert. Tja, ab jetzt kann man dich ganz einfach riechen. Vorher war das kaum möglich. Ist so eine Art Welpenschutz, kapiert?« Ich nickte zögerlich. Das erklärt vielleicht auch, warum Viktor nicht bemerkt hatte, dass ich kein gewöhnliches Straßenkind bin, als er mich in seine Falle lockte. Bis es dann zu spät für ihn war. Aber wenn Caruso die Wahrheit sagt, können mich nun andere Werwölfe aufspüren. Und was ist mit den Vampiren? Könnten die Mistkerle mich ebenfalls ausfindig machen? Ich ertappe mich dabei, wie ich die Dunkelheit jenseits der Straßenlaternen angespannt mustere. Belauert mich da jemand aus den Schatten heraus?
»Drittens!« Caruso unterbricht meine Gedanken und reckt den linken Mittelfinger in die Luft. »Es war mir klar, dass du heute oder spätestens morgen Nacht die Kontrolle verlieren würdest. Dein Zyklus nähert sich seinem Höhepunkt. Und das zum ersten Mal! Den Spaß wollte ich mir nicht entgehen lassen.« Grinst der Alte etwa gerade anzüglich? »Was denn für ein Zyklus?«, frage ich verwirrt. Das Wort kenne ich nur in einem Zusammenhang. »Falls du es noch nicht gecheckt hast, ich bin ein Kerl!«
Carusos Gesicht sieht aus wie aus Stein gehauen. Der entnervte Blick aus seinen gelben Augen vermittelt mir, dass ich gerade etwas unfassbar Dämliches gesagt habe. Und das in mehr als einer Hinsicht. »Der Mondzyklus, du beschränkter Trottel!«, schnauzt er mich an. »Morgen Nacht ist Vollmond! Das meiste aus diesem lächerlichen Aberglauben der Menschen ist totaler Bockmist! Einige Details enthalten allerdings ein paar Krumen Wahrheit. Wie der Teil, dass der Vollmond Einfluss auf unsere Verwandlung hat. Spätestens morgen Nacht wird das Biest aus dir hervorbrechen und seine Freiheit genießen.« Caruso verzieht die Lippen zu einem bösen Grinsen. »Es gibt nichts, was du dagegen tun kannst.«
Zu meinem Unbehagen spüre ich bei diesen Worten, wie sich tief in mir drin etwas Wildes, Wütendes zu regen beginnt. Ja, Schwächling! Heute hast du gewonnen. Doch morgen triumphiere ich!, wispert mir die Stimme des wütenden Kerls zu. Unwillkürlich wandert mein Blick nach oben, hinauf zum Mond. Ein fast perfektes Rund aus Silber, von Kratern übersät, doch voller mystischer Pracht. Fasziniert betrachte ich den Himmelskörper, fühle einen fremden Herzschlag in der Brust, wilde Hitze in meinem Blut. Freiheit…
Mit einem entsetzten Ruck reiße ich mich vom verführerischen Anblick des Mondes los.
»Und wenn schon! Ich kann die Verwandlung stoppen wie du siehst«, widerspreche ich heftig. Doch meine Stimme zittert dabei. Fast glaube ich, eine grollendes Hohngelächter durch meinen Verstand hallen zu hören.
»Welpe, du hast es heute mit knapper Not geschafft, dich der Verwandlung zu widersetzen.
Du magst hier stehen und große Töne spucken. Aber ich kann sehen, wie wackelig deine Knie sind. Ich rieche deinen kalten Angstschweiß. Ich spüre deine Erschöpfung, ahne deine Schmerzen. Du bist mehr als nur leicht angeschlagen. Wenn morgen der Vollmond aufgeht, wird sein Ruf viel lauter sein als heute. Glaubst du ernsthaft, nach dieser Nacht einen weiteren Kampf gegen dein zweites Ich gewinnen zu können?«, hinterfragt Caruso ernst. Herausfordernd zeigt er mit seiner Klaue auf mich. »Vergiss es. Dir steht ein bedeutsames Ereignis bevor.
Der Mondrausch! Eine Verwandlung, die du weder unterdrücken noch deren Folgen du kontrollieren kannst. Darum solltest du besser mit mir kommen.«
Aha! Daher weht der Wind! Ich denke an Viktor. Auch er hatte mir Hilfe angeboten. Eine miese Falle, um mir mein Blut zu rauben. Um mich zu töten! Und jetzt taucht Caruso hier auf und will dass ich ihn begleite? No way! Der Mistkerl hat mich ausspioniert. Er hat eiskalt zugelassen, dass ich bei der Gang war, als meine Verwandlung begann. Obwohl er ahnte, dass es heute geschehen würde. Caruso wusste, dass das für Zorro und die anderen tödlich ausgegangen wäre, wenn ich der Verwandlung nicht widerstanden hätte. Dennoch hat er erst eingegriffen, als ich keine Bedrohung mehr für die Gang war und Zorro mit dem Messer auf mich losgehen wollte. Ich soll mit ihm gehen? Caruso vertrauen? Nie im Leben!
»Vergiss es! Ich komme allein klar. So wie bisher auch!«
Caruso nickt bloß. »Ganz wie du willst, Runaway!« Er steckt sich die Zigarette wieder in den Mundwinkel und erhebt sich. »Wollte dir ja nur helfen, die nächste Nacht zu überstehen. Ist schon heftig, da allein durch zu müssen. Der alte Caruso kennt schließlich den ein oder anderen Kniff, um die schlimmsten Folgen des Mondrausches zu vermeiden.«
Plötzlich beginnt sein Körper zu schrumpfen. Er wird kleiner, schmaler. Mit einem Rascheln lockert sich die Kleidung. Die Silberkette um seinen dünner werdenden Hals klimpert leise. Verblüfft sehe ich zu, wie seine scharfen Krallen sich in einfache Fingernägel verwandeln. Seine gelben Augen verfärben sich blau. Das satte Schwarz seines Bürstenschnitts verblasst zu einem dunklen Grau. Höre ich da unter dem Geraschel seiner Klamotten noch andere Geräusche? Das leise Knacken und Knistern von Knochen, als sich Carusos Skelett verformt? Ein ganz feines Scharren, als würden mehrere Schichten aus dünnen Leder aneinander reiben? Schrumpfende Organe, dünner werdende Muskelstränge? Seine Haut, die sich der neu angenommenen Gestalt anpasst? Als er mir ein schlitzohriges Lächeln zuwirft, sind seine Zähen bloß die eines Menschen, nicht mehr die Fänge eines Monstrums. Nun sieht Caruso wieder so aus wie vor ein paar Stunden auf dem Bibliotheksklo. Er hat sich so schnell und schmerzlos zurückverwandelt, als wäre es für ihn nur ein tiefes Ausatmen. Mir wird fast übel, wenn ich mich bloß an die Schmerzen erinnere, die mir meine Verwandlungen bereiten. Aber dieser fiese Sack schüttelt das so locker aus dem Handgelenk wie einen billigen Taschenspielertrick! Gegen meinen Willen spüre ich Neid in mir aufsteigen. »Wenn man so lange lebt ich, dann übersteht man den Vollmond, ohne seinen Raubtierinstinkten zu erliegen. Doch ist man nur ein grünes Jüngelchen so wie du… Tja, lass es mich mal so ausdrücken: Ich wünsche dir viel Spaß bei deinem bevorstehenden Amoklauf!« Caruso wirft mir einen düsteren Blick zu. Er ist keine Drohung, keine Warnung. Dieser Blick ist ein unheilvolles Versprechen. „Denk an meine Worte, wenn du übermorgen wieder zu dir kommst, Runaway. Am Ende eine Blutspur liegend, deinen Bauch fett gefressen und voller Menschenfleisch! All das hätte ich deinen unschuldigen Opfern und dir ersparen können. Aber du wolltest es ja so.«
Entschlossen wendet er sich zum Gehen.
Meine Füße sind bleischwer, als ich durch das verlassene Haus gehe. Einsam hallen die Schritte von den kahlen Wänden wieder. Im Erdgeschoss ist alles dunkel. Durch die vernagelten Fenster sickert kein Lichtstrahl ins Innere. Aber ich kenne die leeren Räume. Die Treppe nach oben zu finden ist easy. Der Weg hinauf aber wird mit jeder Stufe anstrengender. Und das liegt nicht nur an dem Brennen in meinen Muskeln. Ich zähle die Stufen, lasse die vierte, siebte und neunte aus. Ich weiß, dass Paul dort heute seine Bindfäden gespannt hat. So wie immer. Eine simple Alarmanlage als Schutz für die Gang vor Eindringlingen. Doch wen schützt eine gesicherte Treppe, wenn das Ungeheuer schon mitten unter deinen Freunden ist und mit euch abhängt?
So lange, bis es seine Tarnung abgelegt, um zu töten?
Ich trete durch den leeren Türrahmen hindurch in das Zimmer, das ich mir mit Zorro, Sally, Paul, Tascha, Fritte und Piggy geteilt habe. Hier oben sind die Fenster nicht vernagelt worden. Im einfallenden Licht der Straßenlaternen und des Mondes heben sich unsere Schlafsäcke, der Pizzakarton, Bierdosen und Rucksäcke als dunkle Klumpen und Flecken vom bleichen, harten Boden des Zimmers ab. In der muffigen, feuchten Luft des heruntergekommenen Hauses hängen noch die Gerüche von kalter Pizza und gerauchtem Gras. Schweigend sammel ich meinen Kram ein, rolle den Schlafsack zusammen. Dann ziehe ich Zorros Messer aus dem Hosenbund. Auf keinen Fall wollte ich es draußen im Dreck zurücklassen. Die Waffe liegt kalt und schwer in meiner Hand.
Das Messer hat meinem großen Bruder gehört. Er kam mit dem neuen Lover unserer Alten nie klar. Kein Wunder, war ja auch ein Mistkerl. Jedenfalls ist Dennis abgehauen, als ich vierzehn war. Hat mir zum Abschied sein Messer geschenkt. Weil ich von da an selbst auf mich aufpassen musste.
Diese Story hat mir Zorro letzte Woche erzählt. Ich hoffe, er und die anderen werden sich hierher zurück trauen, um ihr Zeug zu holen. Behutsam bette ich sein Butterflymesser auf Zorros Schlafsack. Dann stehe ich auf. Aus der Tiefe meines alten Rucksacks ziehe ich eine der drei Spraydosen hervor. Ein kleiner Luxus, den ich mir mit Viktors Geld gegönnt hab. Ich schüttele die Dose kräftig durch, lasse die Metallkugel im Inneren scheppernd tanzen. Dann ziehe ich die schwarze Kappe ab. Gehe hinüber zu der Wand, die durch die Fenster von draußen mit fahlen Licht beschienen wird. Fleckig und schweigend ragt sie vor mir auf. Wie ein leeres Blatt Papier, das mich höhnisch auffordernd, es mit den richtigen Worten zu füllen. Falls mir die richtigen Worten denn einfallen wollen. Entschlossen hebe ich die Spraydose, ziehe auf die Wand, den Finger auf dem Druckknopf. Doch mein Kopf ist voller Schuldgefühle und Hilflosigkeit. Ich sehe die vor Schreck verzerrten Gesichter von Sally, Tascha, Fritte und Paul vor mir. Das Knacken von Zorros brechendem Handgelenk und Piggies Gewinsel hallen noch immer in meinen Ohren nach. Am Schlimmsten ist jedoch der Geschmack vom Fleisch und Blut der Gang auf meiner Zunge, auch wenn es nur ein Alptraum war.
Mein Hand mit der Spraydose zittert. Verdammte Scheiße … Ich lasse die Dose sinken, lehne meine Stirn gegen die raue, kühle Wand. Was sollte ich dazu schon sagen können? Fuck! Warum muss ausgerechnet ich ein Monstrum sein? Warum kann ich nicht einfach normal sein?
Trotzig wische ich mir eine einsame Träne aus dem Augenwinkel. Jetzt reiß dich zusammen, Runaway! Ohne langes Überlegen trete einen Schritt zurück, richte die Spraydose auf die leere Fläche vor mir. Zischend schießt die schwarze Farbe aus der Dose, verewigt sich zu einer Botschaft auf der Wand. Ich betrachte das Graffito. Mein letztes Lebenszeichen hier in Esenberg. Mit einem leisen Klacken setze ich die Verschlusskappe auf die Spraydose und stopfe sie in meinen Rucksack. »Zeit, die Kurve zu kratzen«, murmele ich mit rauer Stimme. »Mal wieder.« Lautlos klettere ich aus dem Fenster. Die Nacht verschluckt mich. Die Worte an der Wand sind alles, was ich hinterlasse:
Sorry.
Ich komme nicht mehr zurück.
Dann seid ihr sicher vor mir.
Runaway.