Kapitel 1: Die Mitfahrgelegenheit

Scheiß-verdammter Regen!, fluche ich zum wiederholten Mal, während ich mich geduckt durch den nächtlichen Wald kämpfe. Seit Stunden prasseln dicke, kalte Tropfen aus fetten Wolken auf die Wipfel herab. Diesen Sturzbächen kann das Blattwerk der Bäume nicht ausreichend Widerstand leisten. Wasser findet immer seinen Weg. In diesem Fall über Äste und Stämme bis hinab zum Waldboden. Und zur mir, der ich das Pech habe, mitten in diesem Unwetter im Nirgendwo herumzuirren. Meine schmuddelige Jacke und der Hoodie darunter sind ebenso durchgeweicht wie die löchrigen Jeans, die mir schwer an den Beinen kleben. Von meinen Sneakern ganz zu schweigen. Bei jedem Schritt, den ich auf dem schlammigen, nassen Moos vorwärts stapfe, die Hände ausgestreckt, um Zweige und anderes Gestrüpp zur Seite zu schieben, schmatzt und schlürft das Wasser in meinen ollen Schuhen. Ich bin durchnässt bis auf die Knochen. Außerdem ist mir arschkalt.
Scheiße, hier muss es doch irgendwo ein Zeichen von Zivilisation geben!
Ich habe schon einige harte Nächte auf der Straße zugebracht. Doch dieses Unwetter mitten im finsteren, verregneten Wald ist mir echt zu viel. Ich würde alles, was ich habe, für ein warmes, trockenes Plätzchen hergeben. Warum musste ich auch so ein Pech haben, dass die Ärsche von der Bahn mich in diesem Güterwagon erwischt haben? Die wollten mich zwar festhalten und den Bullen übergeben, doch ich war zu flink für die Spackos. Ich konnte abhauen und in den Wald fliehen. Seither versuche ich, mich zur Autobahn durchzuschlagen. Nur habe ich im Dunkeln und bei dem Regen die Orientierung verloren. Jetzt werde ich mir hier sicher eine Lungenentzündung einfangen…
Scheißegal! Lieber in Freiheit sterben als noch eine Sozialeinrichtung von Innen sehen!
Mit diesen trotzigen Gedanken stapfe ich weiter durch den verregneten Wald. Plötzlich bemerke ich, wie ein trüber Lichtschein zwischen den dunklen Baumstämmen auftaucht. Ein winziger Fleck aus Licht, mehr nicht. Entschlossen beiße ich die Zähen zusammen und bahne mir meinen Weg auf diesen kläglichen Hoffnungsschimmer zu. Das Buschwerk um mich herum lichtet sich nach und nach, bis ich tatsächlich den Waldrand erreicht habe.
Nur einige Meter von mir entfernt sehe ich die Rückfront einer Tankstelle und einer kleinen Raststätte aus der Regennacht auftauchen. Vor Erleichterung atme ich tief durch, beschleunige meine Schritte. Einige LKWs und kleinere Autos stehen in den Parkbuchten. Ein Grünstreifen mit ein paar Linden sowie eine Lärmschutzwand schirmen die Anlage von der Autobahn ab. Ich lasse die Zapfsäulen hinter mir und nähere mich der Eingangstür der Raststätte.

Bevor ich eintrete, ziehe ich mir meine Kapuze noch etwas tiefer ins Gesicht. Ich muss vorsichtig sein. Nach meinem stundenlangen Umherirren im Wald, hungrig und klatschnass, bin ich sehr gereizt. Angesichts dessen wäre es kein Wunder, wenn mir meine »Krankheit« so deutlich ins Gesicht geschrieben stehen würde, dass alle durchdrehen, die mir in die Augen sehen. Die Automatiktüren gleiten auf und ich husche geduckt ins Warme. Sogleich nehme ich die Essensdüfte und das leise Murmeln einiger Leute war. Schnell linse ich einmal unter meiner Kapuze hervor. Als ich sehe, wo es zu den Toiletten geht, richte ich meinen Blick sofort wieder auf den gefliesten Boden.
Möglichst unauffällig verschwinde ich im Sanitärbereich in einer der abschließbaren Kabinen. Dort zerre ich mir die nasse Kleidung vom Körper lasse sie auf den Boden fallen. Nachdem ich das Klo benutzt habe, durchwühle ich meinen Rucksack. Natürlich ist auch er durchnässt. Doch das T-Shirt und die Hose, die ich daraus hervorziehe, sind zum Glück bloß feucht. Besser als nichts. Meine nassen Klamotten stopfe ich in den Rucksack. Nur meine versifften Schuhe ziehe ich notgedrungen nochmal an. Mehr als das eine Paar besitze ich nicht.
Hastig fahre ich mir mit der Hand über mein Gesicht, kann so aber erst mal nichts Verräterisches feststellen. Vielleicht habe ich ja Glück, obwohl mir tierisch der Magen knurrt. Angestrengt lausche ich in mich hinein. Es scheint alles ruhig zu sein. Auch im Toilettenraum kann ich sonst niemanden hören. Also öffne ich die Kabinentür, haste hinüber zu den Waschbecken und mustere kritisch mein Gesicht, das mir von dort entgegensieht. Mein langes Haar klebt mir feucht am Schädel. Es ist dunkelbraun, durch die Nässe scheint es fast schwarz. Es ist nicht der kleinste rote Schimmer in meinen Strähnen zu sehen. Auch meine Augen sind stinknormal braun. Ich reiße den Mund auf: meine Zähne stehen wie gewohnt etwas schief. Alles in Ordnung. In der reflektierenden Oberfläche sehe ich mich selbst: einen 17jährigen, etwas hageren und ziemlich feuchten Ausreißer. Er hat eine heiße Dusche und saubere, trockene Klamotten bitter nötig. Und etwas zu Essen. Eingehend betrachte ich meine Hände. Auch meine Finger erscheinen unauffällig, obwohl die Nägel schwarz vor Dreck sind. Zum zweiten Mal in dieser Nacht atme ich tief durch. Alles ist okay. Nicht mal ich sehe mir meine »Krankheit« gerade an. Vielleicht bekomme ich die Sache langsam in den Griff. Stress, Hunger, Wut… all das hat sonst dafür gesorgt, dass sich diese unschöne Sache zu zeigen beginnt. Ich drehe den Wasserhahn auf und wasche mir die Hände. Saufen und andere Drogen machen es auch schlimmer. Ich gehöre zu den Typen, die wirklich übel ausrasten, wenn sie die Kontrolle verlieren, wie ich auf ziemlich unangenehme Weise feststellen durfte. Wahrscheinlich bin ich das einzige Streetkid, das komplett abstinent lebt. Das hat bei den anderen Ausreißern, egal in welcher Stadt ich mich herumgetrieben habe, immer für ein gewisses Maß an Misstrauen gesorgt. Ironie der Schicksals. Ich schnappe mir meinen Rucksack und die Jacke. Dann gehe ich aus der Toilette raus und lasse zum erstem Mal meinen Blick durch den ganzen Gastrobereich der Raststelle schweifen. Viel ist nicht mehr los.
Es gibt ein knappes Dutzend Tische mit Stühlen, aber es sind nur noch fünf, nein, sechs Leute da. Ein Pärchen, der Rest sitzt für sich allein. Es gibt ein paar Verkaufsregale mit Süßigkeiten, Zeitschriften, billigen Spielzeug und etwas Autozubehör; Scheibenwischer und so ein Zeug. Interessiert mich alles nicht. Mein Magen knurrt laut, ich schlurfe über die roten und weißen Fliesen rüber zur Theke. Es gibt Bockwürste mit Pommes. Schnitzel mit Pommes. Burger mit Pommes. Rührei mit Bohnen und Speck. Sandwichs und abgepackte Salate. Ich bin so verdammt hungrig! Gleich fange ich zu sabbern an!
Die Bedienung, eine füllige, grimmige Frau mit schlecht blondierten Haaren, mustert mich misstrauisch. »Und? Was willste?« Sicher fragt sie sich, was ich allein hier mitten in der Nacht treibe. Noch dazu in müffelnden, feuchten Klamotten.
»Burger und Pommes«, antworte ich.
»Haste genug Geld?«, schnarrt sie ohne jede Spur von Freundlichkeit.
Kurz spüre ich, wie sich meine Kiefer gereizt aufeinander pressen.
Jetzt komm mir bloß nicht so!, denke ich wütend. Ich taste in einer Jackentasche herum – und meine Finger stoßen durch ein großes Loch raus ins Freie. Scheiße! Das ist neu! Vorher war da kein Loch! Ein dorniger Zweig muss mir die Jackentasche zerrissen haben, als ich im Dunkeln durch den Wald geirrt bin, ohne dass ich es bemerkt habe!
Fluchend lasse ich meinen Rucksack zu Boden gleiten und durchwühle ihn. So fördere ich nur etwas Kleingeld zu Tage, mehr nicht. »Vergiss es, Kleiner«, kommentiert die Alte meine verzweifelten Bemühungen höhnisch. »Keine Moneten, kein Essen.« Sie kneift die Augen zusammen. »Du bist allein unterwegs, oder? Glaub nicht, dass du hier im Trockenen auf einer Bank pennen kannst! Ich rufe die Polente wegen dir. Das kann ich versichern!«
Heiß beginnt die Wut in mir zu pulsieren, wie ein wildes Tier. Du fette Kröte solltest mir lieber was zu essen geben! Ansonsten hole ich es mir! Meine Finger krallen sich zitternd in den Stoff meines Rucksacks. Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen… Ruhig bleiben, nicht durchdrehen… Behalte die Kontrolle…
Tatsächlich gelingt es mir, meine dumpfe Wut zurückzudrängen. Während ich aufstehe höre ich Schritte, die langsam näher kommen. Einer der Gäste ist aufgestanden und tritt an den Tresen heran. Er muss so in den Vierzigern sein. Er trägt dunkle Kleidung, seine schwarzen Haare sind streng nach hinten gekämmt. Der Kerl wirft mir einen kurzen Blick zu, dann wendet er sich an die Bedienung. »Einmal Burger mit extra viel Pommes bitte. Rot-Weiß. Eine große Cola und was Heißes zum Trinken.« Seine Stimme hat einen angenehmen, sonoren Klang. Als würde ein dicklicher Kater schnurren. Er wendet sich zu mir um. »Kaffee oder Tee?« Ich zögere nur kurz. »Kaffee. Zwei Stück Zucker.«
Er nickt. »Was macht das?«, fragt er die Bedienung. Etwas widerwillig nennt sie ihm den Preis.

Kurz darauf sitze ich allein an einem der Tische. Mache mich völlig ausgehungert über das fettige, salzige und vor allem heiße Essen her. Muss mich beherrschen, um nicht alles in drei Minuten herunter zu schlingen. Den Kaffee habe ich bereits getrunken. Ich stopfe mir eine Ladung Fritten in den Mund und spüle mit einem ordentlichen Schluck Cola nach.
Dann vertilge ich den Burger. Als ich fertig bin, lehne ich mich auf dem Stuhl zurück und genieße das warme, volle Gefühl in meinem Magen. Dabei muss ich mich beherrschen, um nicht laut zu rülpsen.
»Das ist besser nehme ich an?« Ich öffne die Augen. Neben dem Tisch steht mein fremder Wohltäter mit der angenehmen Stimme. »Darf ich mich setzen?« Ich lebe schon zulange auf der Straße, um nicht misstrauisch zu werden. Mein Instinkt sagt mir, dass der Typ was von mir will. Auf der anderen Seite habe ich das spendierte Essen jetzt in meinem Bauch. Wenn er nun mit irgendwelchen Gegenleistungen um die Ecke kommt, kann ich ihm einfach den Stinkefinger zeigen und verschwinden. Also habe ich nichts zu verliehen. Und durch das fette Essen und die Wärme bin ich gerade etwas träge. Daher lasse ich mich zu einem stummen Nicken hinreißen. »Danke.« Er nimmt sich einen Stuhl und setzt sich mir gegenüber.
»Ich bin Viktor«, stellt er sich vor. »Magst du mir deinen Namen verraten?« Er hat nicht nur eine warme Stimme, sondern auch freundliche Augen. Sein Blick hat etwas Verschmitztes. Irgendwie schafft er es, dass ich mich allein durch seine Anwesenheit noch etwas mehr entspanne. »Runaway« sage ich ernst. Zugegeben, das ist nicht der Name, den sie in meine Geburtsurkunde eingetragen haben. Der lautet anders. Aber das ist für mich mein falscher Name. Es ist der Name, mit dem ich in Pflegefamilien und Kinderheimen gerufen worden bin. Meine biologischen Erzeuger haben mir keinen Namen geschenkt. Es gab keinen Brief, den sie mir mitgegeben haben. Nur ein plärrendes Blag, dass sie in dieser verdammten Babyklappe abgelegt haben. Vielleicht haben sie schon geahnt, was für ein ganz besonderes Problemkind ich werden würde. Das erste Mal bin ich mit sechs Jahren einer Pflegefamilie weggerannt. Wurde natürlich geschnappt. Aber aller Anfang ist schwer. Also bin ich immer wieder und wieder abgehauen. Jetzt lebe ich seit etwas mehr als zwei Jahren auf den Straßen. Wegen meiner beschissenen »Krankheit« hab ich es nie geschafft, länger irgendwo zu bleiben, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Schon als ich noch klein war, lauerte die Wut in mir. Doch als Kind hatte ich kaum diese »besonderen« Anfälle. Wenn es jetzt passiert, werden die Anfälle aber immer krasser. Ist vielleicht so ein Pubertätsding. Jedenfalls ist es für mich am Besten, in Bewegung zu bleiben. Wenn ich mal vor Wut austicke, muss ich sowieso die Stadt verlassen. Also renne ich davon.
Runaway. Mein Straßenname ist meine Identität. Ich schreibe ihn als Graffito  an Mauern und auf S-Bahnwaggons, in jeder Stadt, in die ich komme. Mit einem fettem Anarchiesymbol als mittleres »a«. Viktor blinzelt überrascht, hat sich aber sofort wieder im Griff. »Okay, Runaway. So wie ich deine Lage einschätze, ist der Name Programm, stimmt es? Wie lange lebst du schon auf der Straße? Wie alt bist du?«
»So lange wie ich will. Achtzehn«, lüge ich. Du machst zwar einen netten, harmlosen Eindruck, Viktor. Aber ich bin kein Idiot. Idioten passieren schlimme Dinge auf der Straße. Versuch besser nicht, mich zu verarschen!, denke ich.
Viktor nickt kurz, dann legt er seine Karten auf den Tisch: »Wie du meinst. Im Grunde geht mich das alles nichts an. Da hast du recht. Gleichzeitig möchte ich dir anbieten, dich in die nächste Stadt mitzunehmen.« Mit dem Kopf deutet er in Richtung der dicken Bedienung, die uns von ihrer Theke her böse Blicke zuwirft. »Hier kannst du heute Nacht jedenfalls nicht bleiben.« Der Gedanke ist verlockend. Sicher sind es von hier etliche Kilometer zu Fuß in die nächste größere Stadt.
Falls ich die so überhaupt erreichen kann. Es wäre auch nicht das erste Mal, dass ich trampe. Draußen regnet es noch immer in Strömen. Mitten in der Nacht irgendein Auto an der Auffahrt anzuhalten und dann mitgenommen zu werden ist wie ein Sechser im Lotto. Sehr unwahrscheinlich, dass das klappt. »Was willst du dafür?«, frage ich misstrauisch. Wie gesagt, ich bin kein Idiot. Viktor schüttelt den Kopf. »Keine Sorge. Ich habe ja gesehen, dass du nicht viel Geld hast. Du musst also nicht dafür bezahlen oder so.« Ich muss fast bitter lachen. Für wie naiv hält der Kerl mich bitteschön? »Ich meine, was für eine Gegenleistung willst du dafür? Irgendeinen Scheiß wollen Typen wie du doch immer. Soll ich es dir mit der Hand manchen oder so?« Viktor sieht mich ruhig aus seinen warmen, dunkeln Augen an. »Es tut mir leid, Runaway. Du scheinst sehr viel durchgemacht zu haben. Das kann ich nicht ändern. Ich kann dir nur anbieten, dich mit in die nächste Stadt zu nehmen. Du kannst mitkommen oder es bleiben lassen. Es ist deine Wahl.« Seine sonore Stimme betont jedes Wort auf ganz besondere Weise. Es klingt wirklich sehr angenehm, wenn Viktor spricht. »Ich fordere von dir weder Geld noch Gegenleistungen der Art, die du angedeutet hast. Wenn du ablehnst, stehe ich auf und gehe. Dann wirst du dich allein durch diese Nacht schlagen müssen.« Er sieht mir tief in die Augen. »Das Unwetter wird noch einige Stunden andauern. Du willst nicht allein da draußen sein«, raunt er mir zu. Ich kann immer noch hören, wie der Regen gegen die Fensterscheiben prasselt. Scheiße, natürlich will ich nicht weiter zu Fuß durch dieses Unwetter latschen. Und Viktor hat recht: Hier pennen kann ich auch nicht. Die verdammte Bedienung wird noch die Bullen rufen, wenn ich nach dem Essen hier weiter herumlungere. Darauf kann ich echt verzichten. Ich denke an das vertraute Gefühl, das mir Viktor von Anfang an gegeben hat. Das habe ich seit zig Jahren bei keinen Menschen mehr gehabt. Liegt vielleicht an seiner Stimme. Wenn ich sonst trampe, muss ich auch nehmen was kommt. Warum also Viktors Angebot ablehnen? »Okay, Viktor«, murmele ich. »Ich komme mit dir.«

Zum Glück steht seine Karre ganz nah am Eingang des Rasthofes, so dass wir nur kurz durch den Regen eilen müssen. Soweit ich erkennen kann, ist es ein alter, dunkler Kombi. Auf der Rückbank liegt eine pralle Reisetasche. Ich lasse mich auf den Beifahrersitz fallen. Er ist mit Schafsfell überzogen, genauso wie Viktors Sitz und das Lenkrad. Den Rucksack lege ich zwischen meinen dreckigen Sneakern ab. »Du bist auch unterwegs?«, frage ich und zeige nach hinten auf die Tasche.
Er nickt. »Ich bin viel auf Geschäftsreisen.« Viktor startet den Motor, die Heizung erwacht zum Leben. Die Digitalanzeigen beginnen zu leuchten. Es ist 23:17 Uhr, als wir losfahren. »Geschäftsreisen? Was für Geschäfte machst du?«, frage ich. Nicht, weil ich wirklich interessiert bin. Ich habe einfach das Gefühl, irgendwas sagen zu müssen.
»Ich bin Drogenkurier.« Als Viktor sieht, dass ich ihn völlig überrumpelt anstarre, beginnt er zu lachen. »Nein, natürlich nicht! Ich bin als Berater tätig und muss wegen meiner Klienten viel reisen. Wenn du magst, erzähle ich dir etwas davon. Vielleicht hast du danach ja Lust, mir etwas aus deinem Alltag zu berichten? Wir scheinen ja sehr unterschiedliche Lebensrealitäten zu haben«, meint er augenzwinkernd. Worauf du einen lassen kannst, denke ich. Du ahnst ja nicht mal wie unterschiedlich… Zwar interessiert es mich einen Scheiß, was für Beratungen Viktor so anbietet und ich habe ganz bestimmt nicht vor, ihm etwas aus meiner Vergangenheit zu erzählen. Doch ich lasse Viktor von Firmenstrukturen und Bilanzen schwafeln, so viel er lustig ist. Meine Ohren und mein Hirn schalten einfach auf Durchzug. Ich rutsche so tief wie möglich in dem bequemen Sitz hinein und blicke durch die Windschutzscheibe.
Langsam dämmere ich weg…

»Aufwachen, Runaway!«
Widerwillig hebe ich die schweren Lider. Wo bin ich? Ich muss tief geschlafen haben. Nur langsam erinnere ich mich daran, dass ich zu Viktor ins Auto gestiegen bin. Noch immer todmüde stemme ich mich im Sitz hoch. Mein Blick fällt auf die Digitaluhr im Amaturenbrett. 02:45 Uhr.
»Runaway, steig aus!«, sagt Viktor. Wie von selbst lösen meine Hände den Verschluss des Gurtes und öffnen die Beifahrertür. Schlaftrunken schwinge ich meine Füße aus dem Auto und stehe schwankend auf. Ich sehe mich um, blinzele verwirrt.
Der Regen hat nachgelassen. Es tröpfelt nur noch. Um mich herum ist alles dunkel. Bloß die Lichtkegel der Scheinwerfer brennen grelle Schneisen in die klamme Finsternis. Ungefähr zwanzig Meter vor mir reißen sie graugrüne Baumstämme aus der Schwärze. Unter meinen abgewetzten Sohlen knirscht Kies. Langsam schaue ich in die Runde. Verwirrt erkenne ich eine Fabrikruine, die sich neben Viktors Karre erhebt. Das Bauwerk ist komplett dunkel, das Grundstück verwildert. Ansonsten sind da nur Bäume, die uns schweigend und düster umzingeln. Der Motor wird abgestellt, nur die Scheinwerfer leuchten noch. Viktor steigt aus. Irgendwas stimmt hier nicht, wird meinen verpennten Hirn langsam klar. Ich weiche einen Schritt von Viktor fort. »Runaway, stillgestanden!«, kommandiert er mir seiner Stimme, die jetzt nicht mehr angenehm und warm, sondern tief und mächtig klingt. Mein Körper erstarrt. Ich will herumfahren und in den Wald rennen. Aber meine Beine und Füße bewegen sich kein bisschen. Dafür beginnt mein Herz wild zu pochen. Schweißperlen treten auf meine Stirn, vermischen sich mit den letzten Regentropfen. Ich will aufschreien, doch Viktors Stimme erklingt erneut und befielt mir: »Schweige still, Runaway!« Panisch öffne ich den Mund. Doch der Schrei verstummt noch in meiner Kehle. Völlig wehrlos stehe ich da, sprach- und reglos, während Viktor immer näher auf mich zu kommt. Seine Augen starren mich an wie die einer Schlange. Der Mann schließt seine Arme um mich. Eine feste Umarmung, gleich einem Schraubstock. Paralysiert glotze ich weiter geradeaus, als Viktor seine Lippen gegen meinen Hals presst.
Schmerz blitzt auf, scharf und rot.
Schreien kann ich nicht. Viktor beginnt zu trinken. Der Schmerz klingt ab. Ich kann spüren, wie mein Blut aus mir heraus in seinen Rachen sprudelt. Doch es tut nicht weh. Eisige Leere und Taubheit breiten sich in meinen Gliedern aus. Sie ersticken meinen letzten Widerstand. Meine Gedanken zerfasern. Mit jedem Schluck Blut, den Viktor mir raubt, werde ich schwächer.
So todmüde… lass mich schlafen…
Nein! Schwächling!
Ganz tief in mir drin glimmt ein winziger Funken purer Wut auf. Meine Wut, die nicht schlafen will. Meine Wut, die nicht sterben will. Meine Wut, meine »Krankheit«, will… Kämpfen! Los! Reiß ihm das Herz raus!
Der Funken Wut wird zu zwei grellen Flammenzungen, die aus der Tiefe in mir hervorbrechen und durch die Muskeln meiner Arme peitschen. Als wäre ein Stromschlag durch meinen Körper gefahren, sprenge ich Viktors tödliche Umarmung. Er wird von mir weggestoßen und gegen sein Auto geschleudert. Die Kraft in mir fällt wieder zu einem Funken in sich zusammen. Ich schaffe es noch, rückwärts ein paar Schritte in Richtung Wald zu taumeln. Dann breche ich in die Knie.
Mein Blut spritzt weiterhin pulsierend aus der grausamen Bisswunde an meinem Hals. Zusammengekrümmt liege ich auf dem regennassen Kies. Verzweifelt presse ich beide Hände auf die Wunde. Mein Blut sickert warm und klebrig zwischen meinen Fingern hervor.
Lieg’ hier nicht so faul herum! Töte ihn!
Obwohl ich kaum noch bei Bewusstsein bin, spüre ich, wie die Wut in mir wieder anwächst. Sie vertreibt die Kälte aus meinen Gliedern. Ein gereiztes Knurren dringt aus meiner Kehle.
Ja! Wo ist die Beute!?
Viktor hat sich wieder aufgerappelt. Er tritt ins Scheinwerferlicht. Sein Gesicht ist verzerrt vor Zorn. »Wie kannst du es wagen, dich mir zu widersetzten, du Wurm?« Seine Augen scheinen tiefer in den Höhlen zu liegen als vorher.
Sie sind blutunterlaufen, seine Haut ist totenbleich. Sein Mund ist zu einem diabolischen Schlund geworden.
Dort, wo die Lippen nicht mit meinem Blut besudelt sind, haben sie sich schwarz verfärbt. Zwei spitze Fangzähne blitzen im Licht der Scheinwerfer auf. Seine ganze Visage ähnelt mehr der Fratze eines grinsenden Totenschädels als dem Gesicht eines Menschen. Viktor streckt gierig die Hände nach mir aus. Die Finger sind lang, viel zu lang, mit spitzen Nägeln.
Ich versuche auf die Beine zu kommen, bevor ich zu geschwächt vom Blutverlust bin.
Viktor ist schneller. Seine Spinnenfinger verkrallen sich in meiner Kleidung. Er reißt mich hoch, als wäre ich ein Fliegengewicht. Zischend hebt er mich über seinen Kopf. Sein Blick flackert schlimmer als bei den Junkies, denen ich schon begegnet bin. Viktor öffnet seine Kiefer wie die einer Würgeschlange. Gierig säuft er mein Blut, das aus meinem Hals direkt in seinen Schlund tropft. BEUTE! brüllt die »Krankheit« in mir. LASS! MICH! RAUS! LASS! MICH! TÖTEN!
Bevor mir schwarz vor Augen wird, grinse ich fies. Okay. Fass! Dann verliere ich die Kontrolle.
Der Feuerball aus Wut tief in meinem Inneren explodiert. Hitze brennt sich quer durch Fleisch und Knochen. Der Scherz lässt mich schreien. Ich platze aus mir selbst heraus. Meine Muskeln schwellen an, werden eisenhart. Stoff zerreißt. Millionen glühender, dünner Nadelstiche sprießen durch meine Haut, werden zu dichtem, roten Pelz. Knackend verformt sich mein Skelett. Splitternd bersten Kiefer und Zähne, als mein anderes, tödlicheres Gebiss durchbricht. Ich registriere noch, wie sich Viktors Griff überrascht lockert. Dann gehe ich im glühend heißem, roten Zorn unter.
ZERREISSEN! FRESSEN! Mächtige Fänge verbeißen sich in kaltes, zähes Fleisch. Der Geschmack von Asche und geraubten Blut auf meiner Zunge. Dünne, bleiche Spinnenfinger versuchen, Wunden zu schlagen. Ihre Nägel scharren hilflos über rotes, dichtes Fell. SCHWACHE BEUTE! Mächtige Pranken schlagen zu. Meine Klauen schneiden durch Kleidung, Fleisch, Knochen. Alles kalt und tot. FRESSEN!

Oh, Scheiße…
Als ich wieder zu mir komme, ist es heller Tag. Mein Schädel dröhnt und jeder Muskel schmerzt. Langsam rappele ich mich hoch, bringe ich mich in eine sitzende Position, lehne meinen Rücken an einen dicken Baumstamm. Ein widerlicher Geschmack hat sich wie ein Schimmelpilz in meinem Mund eingenistet. Ich spucke aus, doch das hilft nicht. Zögernd sehe ich an mir hinab. Beide Schuhe sind fort. Die Jeans und meine restlichen Klamotten hängen in blutigen und mit Erde verdreckten Fetzen an mir herunter. Ein scheußlicher Gestank hängt in der Luft. Ich schnüffele an meiner Achselhöhle. Kein müffelnder Menschenschweiß. Mehr ein bestialischer Raubtiergeruch. Jepp, der kommt von mir.
Und wie ich aussehe… Für einen Moment schließe ich wieder die Augen.
Super, Runaway! Das hast du ja klasse hinbekommen!
Ist doch scheißegal! Wenn ich den Anfall unterdrückt hätte, wäre ich jetzt tot!
Stimmt auch wieder. Wo bist du eigentlich?
Gute Frage. Vielleicht kann der wütende Typ in dir ja was dazu sagen?
Doch der schweigt natürlich. Sicher pennt er irgendwo tief in mir drin. So frei durfte er sich noch nie austoben.
Ich beende mein inneres Zwiegespräch und öffne die Augen, um mich richtig umzusehen. Bäume, nichts als Bäume, Sträucher, Unterholz, Farn und Laub. Ich muss mich noch immer irgendwo tief im Wald befinden.
Plötzlich fällt mein Blick auf den Kadaver eines Rehs. Er liegt nur ein paar Schritte von mir entfernt. Seine Flanke wurde aufgerissen. Die Rippen sind abgenagt, innere Organe und Fleisch fehlen. An den Krallenspuren erkenne ich, wer oder eher was das arme Tier erlegt und halb aufgefressen hat. Mir wird übel. Ich werfe mich herum und übergebe mich lautstark ins Gebüsch. Dabei kneife ich mit aller Gewalt meine Lider zusammen. Ich will nicht sehen, was ich da alles auskotze. Irgendwann schaffe ich es, vollends aufzustehen und mich auf den Rückweg zu machen. Dazu muss ich nur den mächtigen Pfotenabdrücken rückwärts nachgehen, die ich vor mir im schlammigen, aufgeweichten Waldboden sehe. Auf dem Weg versuche ich so gut es geht, die Tatzenspuren mit meinen nackten Füßen zu zertrampeln. Besser, ich mache die Fährte unleserlich, bevor irgendjemand beim Pilze sammeln zufällig über sie stolpert.

Etwa eine Stunde später erreiche ich die Fabrikruine, bei der Viktor angehalten hat. Sein Auto steht immer noch da. Die Türen sind weiterhin offen. Doch die Scheinwerfer sind erloschen. Sicher hat die Batterie schlappgemacht. Die Sonne befindet sich schon wieder jenseits ihres Zenits. Es muss bereits Nachmittag sein. Auf dem Kies liegen die Überreste von Viktors Kleidung. Dazwischen feine Asche, eine ganze Menge davon. Langsam schüttele ich den Kopf. Kann es immer noch nicht glauben. Ich ziehe meinen Rucksack aus dem Auto und hole meine regennassen Klamotten heraus. Dann breite ich sie zum Trocknen auf dem Autodach aus. Die nutzlosen Fetzen, die ich am Leib trage, streife ich ab und werfe sie achtlos zu Viktors Überresten. Dann durchwühle ich die Reisetasche auf dem Rücksitz des Autos. Ich finde ein paar Sachen, die mir nicht unbedingt passen. Aber besser als nackt zu bleiben. Erschöpft lasse ich mich auf den Beifahrersitz fallen und werfe einen Blick 8in den Rückspiegel. Immerhin habe ich bereits wieder meine normale Größe. Mein Schopf ist noch blutrot. Auch meine übrige Körperbehaarung ist noch immer dichter als normalerweise. Die Augen haben die Farbe von Bernstein. Ober- und Unterkiefer stehen ein Stück weit vorne. Mein Gebiss ist noch das einer Bestie. Deswegen kann ich meine Lippen nicht richtig schließen. Etwas Speichel sickert mir aus dem Mundwinkel. Doch wenn ich Glück habe, sehe ich morgen wieder völlig menschlich aus. Ich brauche nur noch etwas Erholung. Dann werde ich mich langsam aber sicher ganz zurück verwandeln. Bis zum nächsten Anfall. Müde werfe ich einen Blick hinüber zu dem Aschehaufen. Nach siebzehn Jahren habe ich das erste Mal ein anderes Monstrum getroffen. Und es wollte mich natürlich töten. Wenigstens weiß ich jetzt zwei Dinge.
Erstens: Ich bin nicht der einzige Freak, der durch die Welt irrt.
Zweitens: Werwölfe machen Vampire platt. Geile Sache.
Ich taste nach der Wunde an meinem Hals. Da ist nur noch eine ganz feine Narbe. Bald werde ich mich wieder auf den Weg machen. Weiter, immer weiter. Fort von hier.
Kommt mir besser nicht in die Quere.
Ich bin Runaway.

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