|

Kapitel 2: Monster in Esenberg

»Komm da weg, Isabella! Das ist asoziales Pack!«
Das blonde Mädchen im fliederfarbenen Kleid ist vielleicht neun Jahre alt. Es blickt irritiert von uns zu ihrer Mutter hin. »Mami, die haben einen Hund!«, protestiert die Kleine. Piggy, ein Mopsmischling mit schmutzigem, braunem Fell, gähnt ausgiebig, hebt die Kopf und schnaubt leise. Hastig stöckelt Isabellas Mutter auf hohen Absätzen zu uns herüber. Die Frau ist ebenfalls blond und von schlanker Statur. Ihr Hosenanzug ist so blütenweiß, dass er das Sonnenlicht grell reflektiert. Auch ihre Schuhe, deren Pfennigabsätze bei jedem Schritt energisch auf den Pflastersteinen der Fußgängerzone herumhämmern, sind weiß.
Ich verziehe das Gesicht zu seinem spöttischen Grinsen und hebe die Hand, um meine Augen zu beschatten. Die Tussi sieht aus wie eine Schneekönigin mit Stock im Arsch.
»Keine Angst! Piggy tut nichts. Sie ist sogar zum Spielen zu faul«, meint Fritte neben mir.
Er krault Piggy zwischen den Ohren, was diese mit einem zufriedenen Grunzen quittiert. Isabellas Augen leuchten. »Darf ich Piggy auch streichen?«, fragt sie begeistert. »Untersteh dich! Der Köter hat bestimmt Flöhe!« Zu Isabellas Pech ist ihre Mutter schneller als sie.
Die Schneekönig packt ihr Töchterlein am Arm und zieht die Kleine hinter sich her. »Aber ich will den Hund streichen..!«, hören wir Isabella noch schrill losheulen. Dann sind Mutter und Tochter in Gedränge der Fußgängerzone untergetaucht. »Hast du das gehört, Piggy? Du sollst Flöhe haben!« Fritte schüttelt den Kopf. »Wie kommt die Zicke nur darauf?“ Fritte presst die Hündin an sich und drückt ihr einen feuchten Kuss auf die faltige Stirn. Piggy revanchiert sich, in dem sie Fritte mit ihrer rauen Zunge über sein Mondgesicht mit den Sommersprossen leckt. Sally, die mit dem Kopf auf dem Schoß von Zorro liegt, nimmt ihren Lolli aus dem Mund. »Also, wenn überhaupt, dann bekommt Piggy die Flöhe von Fritte«. Daraufhin müssen wir alle lachen. Wir, das sind Zorro und sein liebster Engel Sally, der pummelige Fritte und Piggy, Tascha mit den türkis gefärbten Haaren sowie Paul, der nicht viel redet. Und seit fast zwei Wochen auch ich: Runaway. »Asoziales Pack« wie Isabellas Mutter uns so treffend bezeichnet hat. Wir alle sind Ausreißer, die von Zuhause oder aus Pflegeeinrichtungen abg hauen sind. Fritte ist laut eigener Aussage 17, so wie ich. Zorro ist 22 und behauptet, schon mal im Jugendknast gewesen zu sein. Der Rest von uns ist irgendwas dazwischen. Wir verbringen unsere Zeit damit, hier in der Fußgängerzone oder vor dem Hauptbahnhof zu betteln. Darüber hinaus versuchen wir Ärger mit der Polente zu vermeiden. Zum Glück ist Esenberg groß genug, um hier als obdachlose Teenager nicht gleich den Sozialdienst auf den Fersen zu haben. Ein Hoch auf die Anonymität der Großstadt und die Gleichgültigkeit unserer Mitmenschen! Ich räkele mich etwas.
Vom ständigen Sitzen auf dem harten Pflaster tut mir der Hintern weh. Es ist bereits spät geworden. Die Fußgängerzone beginnt sich zu leeren. So mitten unter der Woche geht hier nach Feierabend nicht mehr viel. Es gibt zwar einige Cafés und Restaurants in Sichtweite. Aber es frischt abends doch noch zu sehr auf, als dass Leute noch lange draußen sitzen wollen. Bald werden wir hier Schluss machen und uns in unseren Unterschlupf verziehen. »Bin gleich wieder da«, kündige ich an. Die Gang nickt und ich schlurfe rüber zum Gebäude der Stadtteilbibliothek.
In ihrem Inneren schafft warmes Kunstlicht eine angenehme Stimmung. Es riecht nach trockenem Papier und eine leichte Kaffeenote liegt in der Luft. In einer Ecke sitzen ein paar junge Teenagerinnen vor einem PC und scheinen an einem Schulprojekt zu arbeiten. Eines der Mädchen wirft mir einen Blick zu, schaut aber sofort wieder weg. Der Bibliothekar, ein dünner Mann mit schütterem Haar, erklärt einer runzligen Oma wo sie die Krimis finden kann. Aus dem Bereich mit den Kinderbüchern erklingt leises Kichern und das Rascheln von Buchseiten. Im Vorbeigehen betrachte ich das große Wandbild dort. Es zeigt Pippi Langstrumpf, Michel aus Lönneberga und andere Figuren von Astrid Lindgren. Kurz überlege ich, welche meiner früheren Pflegefamilien mir immer diese Geschichten vorgelesen hat, als ich noch ein Kind war. Doch es fällt mir nicht mehr ein und ich schiebe den Gedanken weg. All die Bücher und Spiele, die in den Regalen darauf warten, ausgeliehen zu werden, interessieren mich natürlich auch kein Stück. Aber die Bibliothek ist ein öffentliches Gebäude. Und das bedeutet saubere Klos, die kostenfrei aufgesucht werden können. Und das ist super! Wer auf der Straße lebt, muss sich ständig um die drei S Gedanken machen: Schnorren – Schlafen – Scheißen.
Isabellas Schneeköniginmutter denkt sicher, asoziales Pack wie wir macht überall hin wo es gerade geht und steht. Nun ja, wenn alle Stricke reißen und der eigene Körper dir keine Wahl lässt, was willst du dann tun? Aber wenn die anderen und ich die Chance auf ein funktionierendes Klo haben, nutzen wir diese natürlich. Schließlich sind wir ja keine Tiere. Bei dem Gedanken verziehe ich mein Gesicht. Zumindest die meiste Zeit nicht…
Ich betrete das Herren-WC und werfe meinen gewohnten Blick in den Spiegel. Ein völlig menschliches Gesicht blickt mir daraus entgegen. Braune Augen, braune Haare. Alles normal und unscheinbar. Gut so. Ich verschwinde in der einzigen Kabine, ziehe die Hosen runter und setzte mich auf die Klobrille. Es ist für mich in den letzten Wochen echt gut gelaufen. Damit meine ich nicht nur, dass ich nach meiner Ankunft in Esenberg schnell Anschluss bei Zorro und seiner Gang gefunden habe.
Nein, ich meine, dass ich seit der Begegnung mit Viktor (dem Vampir, den ich gekillt hab) keinerlei Wutanfälle mehr gehabt habe. Für meine Verhältnisse bin ich total relaxt. Und keine Wutanfälle bedeutet, dass meine »Krankheit« – der wütende Kerl, das Monster, der Werwolf oder wie auch immer ich es nenne – sich nicht gezeigt hat. Sonst brodelt ständig diese Wut in mir. Und wenn sie überhand nimmt, färben sich meine Haare blutrot und mir wachsen Klauen. Gut, ohne das Biest in mir hätte ich gegen Viktor keine Chance gehabt. Aber ich bin echt froh, dass meine »Krankheit« mich derzeit in Frieden lässt. Ich bin nicht der Typ, der auf lange Zeit plant. Doch ich gebe mich der Hoffnung hin, dass ich noch eine ganze Weile ich selbst sein kann. Ohne Wutanfälle. Ohne Monster, das aus mir hervorbricht.
»He! Du da drin! Bist du in den Lokus gefallen?«, poltert eine tiefe Stimmer plötzlich vor der Kabinentür. Dann beginnt der Fremde wie bescheuert an der Klinke zu rütteln. Spinnt der? »Bleib locker, Alter!«, brülle ich zurück. »Ich bin gleich so weit!« Ich rolle mit den Augen. Jetzt kann man hier nicht mal mehr in Ruhe kacken?
»Wie lange willst du da noch hocken?« Ein raues Lachen erklingt. »Brauchst du vielleicht eine Anleitung für das Klosett?« Der Typ hat sie doch echt nicht alle! Wütend balle ich die Faust und schlage selbst kräftig gegen die Tür. »Halt´s Maul! Ich bin sofort fertig, du Idiot!«. Entnervt wische ich mich ab, ziehe die Hosen hoch, betätige die Spülung und öffne die Tür. Ein Stück neben der Kabine steht der sowohl ungeduldige wie ungehobelte Kerl. Ein schlecht rasierter Mann, sicher schon Mitte 50. Er hat dunkelgraue Haar, das er als Bürstenschnitt trägt. Sein beigefarbener, verwaschener Mantel ist ihm sicher zwei Nummern zu groß und stinkt derbe nach Zigaretten. Um den Hals trägt er eine Silberkette. Seine blauen Augen, unter denen fette Tränensäcke hängen, mustern mich geringschätzig. »Meine Güte, was ist die Jugend heutzutage verlottert! Kannst du nix mit anfangen!«, verurteilt er mich. Geräuschvoll saugt der Kerl die Luft durch die Nase ein. »Ich hoffe, du hast das Klo wenigstens anständig hinterlassen!« Du hast verdammtes Glück, dass ich so gut drauf bin!, schießt es mir durch den Kopf. Ich bin schon wegen deutlich weniger blöden Aktionen völlig ausgerastet! Doch heute fühle ich nur gerechte Empörung. Was fehlt, ist dieser dunkle, reißende Zorn von früher. Auch die Stimme des wütenden Kerls, die mich schon so oft zur Gewalt gereizt hat, höre ich nicht in meinem Kopf. »Verpiss dich einfach, Spießer!«, knurre ich daher bloß und schiebe mich an dem Mistkerl vorbei. Der Idiot murmelt irgendwas Unverständliches und starrt mir hinterher. Ich gehe zu den Waschbecken und lasse kühles Wasser über meine Hände laufen. Normale Finger, keine Klauen. Im Spiegel sehe ich wieder nur braunes Haar, braune Augen. Ich bin ich. Alles ist gut.

»Schluss für heute«, beschließt Zorro, als ich zur Gang zurückgekehrt bin. »Dann mal her mit den Tageseinnahmen.« Wir leeren unsere Taschen. Das Geld, das wir einzeln im Laufe des Tages von den Passanten geschnorrt haben, wandert zu dem, das bereits in dem Kästchen vor Zorro liegt. Viel ist es nicht. In letzter Zeit patrouillieren die Bullen verstärkt durch unser Revier. Betteln geht, klauen ist schwierig. »Reicht aber für Pizza und Bier«, stellt Zorro fest. »Mit extra Käse?«, fragt Fritte hoffnungsvoll. Wir machen uns auf den Weg. Bei einer Imbissbude, die sich angeberisch Pizzeria Luigi nennt, aber nur Essen zum Mitnehmen anbietet, ordern wir eine große Familienpizza. Zorro und der stille Paul besorgen aus einem benachbarten Späti zwei Sixpacks billiges Bier und eine große Flasche No-Name-Cola. Dann geht’s nach Hause.
Nach Hause… im Augenblick ist das eine Schrottimmobilie drei Blocks von der schicken Fußgängerzone entfernt. Hier sind die Straßen schlechter und die Hauswände voller Graffiti.
Die Schaufenster der wenigen Ladenlokale wurden von innen mit Zeitungen zugeklebt. Unser Unterschlupf ist ein verlassenes Haus, das hinter Bauzäunen und BETRETEN VERBOTEN-Schildern auf einem verwahrlosten Grundstück steht. Für uns ein Glücksfall. Die Vordertür ist zugenagelt, ebenso die meisten Fenster im Erdgeschoss. Aber auf der Rückseite konnte die Gang ein vergessenes Fenster eingeschlagen, durch das wir nun ins Innere klettern. Strom und Wasser sind längst abgestellt worden. Alle Räume sind kahl. In den Ecken liegt Unrat. Überall riecht es muffig. Spinnen, Käfer und Mäuse bevölkern das Haus ebenso wie wir. In den Wänden raschelt und trippelt das Ungeziefer hin und her. Vor vier Nächten sah ich einen Waschbären das Regenrohr hochklettern und in einem Loch verschwinden. Aber die Gang hat ein Dach über dem Kopf. Wir gehen nach oben in den ersten Stock, wo wir jeden Abend unser Lager aufschlagen. »Home, sweet home«, singt Tascha, als sie ein paar dicke Kerzenstummel auf dem harten Boden mit ihrem Feuerzeug anzündet. Paul spannt einige Bindfäden über die Treppe.
Unsere Alarmanlage, falls nachts hier Leute eindringen. Wenn sie auf der Treppe stürzen, sollte der Krach uns wecken. Dann hätten wir eine Chance, unseren Unterschlupf zu verteidigen. Notfalls könnten wir auch durch unser Fenster nach draußen steigen. Darunter befindet sich ein niedriger Anbau, auf dessen Dach wir klettern könnten. Von dort könnten wir dann gefahrlos hinabspringen und abhauen. Bislang hat zwar niemand sonst das Haus für sich beansprucht. Aber jede Nacht könnte jemand versuchen, es uns mit Gewalt wegzunehmen. Wir haben alle schon miese Erfahrungen auf der Straße gemacht. Das prägt. In der Mitte des Raumes breiten wir unser Lager aus. Es besteht aus alten Decken und Schlafsäcken. Um uns gegen die Kälte der Nacht zu schützen, schlafen wir immer dicht zusammen gedrängt. Zorro öffnet den Karton und schneidet die Pizza mit seinem Butterflymesser in Stücke. »Haut rein!« Zwar ist die Pizza schon fast kalt, doch alle sind hungrig und langen tüchtig zu. Piggy macht sich über ein Stück her, das Fritte ihr hingeworfen hat. Sally öffnet die Bierdosen. Ich halte mich vorsichtshalber noch an Cola. Der wütende Kerl in mir mag Bier. Ich will ihn nicht wecken. Nach dem Essen macht ein Joint die Runde, den ich ebenfalls weiterreiche, ohne an ihm zu ziehen. »Ist dein Körper etwa ein Tempel, Runaway?«, fragt mich Tascha spöttisch durch die würzig-süßlichen Schwaden hindurch. »Lass ihn doch«, meint Fritte. Er nimmt ihr den Joint aus der Hand. »Dann bleibt mehr für uns.« Er zieht an der Tüte, inhaliert und bläst den erdig-holzigen Rauch genießerisch durch die Nase wieder raus.»So lässt es sich leben.«
»Hier ist es doch scheiße!«, widerspricht Zorro grimmig. »Wenn ich genug Kohle hätte, würde ich sofort die Flatter machen!« Sally setzt sich auf, schlingt ihre Arme um ihn und macht Zorro schöne Augen. »Aber mich würdest du doch mitnehmen, ja?« Zorro grinst schief. »Sicher.«
Die zwei knutschen. Tascha wirft ihre leere Bierdose hinter sich. »Und wo wollt ihr zwei Süßen hin? Hamburg? Berlin?« Ich unterdrücke ein Gähnen und denke daran, dass ich in beiden Städten schon gewesen bin. Ist ne Weile her. Wenn ich mit Esenberg durch bin, kehre ich vielleicht dorthin zurück. Zorro schiebt Sally ein Stück von sich weg. »Nee! Deutschland ist doch scheiße. Vor allem im Winter. Ich habe keine Lust, mir nochmal vier Monate lang auf Platte den Arsch abzufrieren. Wenn ich die Kohle hätte, würde ich – also Sally und ich – nach Portugal durchbrennen. Bis nach Lissabon! Liegt direkt am Ozean! Megageile Stadt! Dort ist es immer warm. Jedenfalls wärmer als hier. Da fragt auch keiner nach, ob du schon in Knast gesessen hast. Perfekt, um neu durchzustarten!« Sally bekommt leuchtende Augen. »Dort können wir dann jeden Tag im Meer schwimmen. Das wird toll!« Tascha pustet gegen ihre türkisfarbenen Stirnfransen. »Spricht einer von euch auch nur ein Wort Portugiesisch?«, fragt sie herablassend. »Sprechen die da nicht Spanisch?«, fragt Zorro irritiert. Die anderen lachen. Dann labern sie von einer Zukunft, die es niemals geben wird. Runter bis nach Portugal? Wenn die Kohle da ist? Vergesst es, denke ich. Wenn ihr da wirklich hin wollt, dann trampt lieber. Kurz denke ich an all das Geld, das ich in meinem Rucksack und an verschiedenen Stellen in meiner Kleidung versteckt habe. Fette Scheine. Bargeld, das ich in Viktors Sachen gefunden habe, nachdem ich mit ihm fertig war. Moneten, von denen die anderen nichts wissen. Die Summe würde locker reichen, um mit der ganzen Gang runter nach Lissabon zu fahren und dort eine Weile gut zu leben. Doch das werden sie nie erfahren. Dieses Geld ist und bleibt mein Geheimnis. Wer weiß schon, wann ich es dringend brauchen werde? Bislang habe ich mir nur einen neuen Satz gebrauchter Klamotten und ein Paar Sneaker besorgt. Ein komplettes Outfit ist ja beim Kampf mit Viktor in blutige Fetzten verwandelt worden. Ach ja, und als kleinen Luxus natürlich die drei Spraydosen. Wird langsam Zeit, dass ich hier eine passende Wand für ein Graffito finde.
Den Rest der Kohle will ich lieber für wirklich schlechte Zeiten zurücklegen. Die anderen reden weiter über ihre aussichtslosen Zukunftsträume. Um mich abzulenken, sehe ich raus aus dem Fenster. Der Mond ist fast voll. Die Nacht ist kalt, aber hell. Ich nehme noch einen Schluck von der Cola. Dann lege ich mich pennen.
Für den Moment ist alles gut.

Tief im Dunklen höre ich sein Lied. Das Lied des Mondes. Seinen Lockruf, der mich weckt. Lange habe ich geschlafen. Nun ist die Zeit des Jägers. Aus meinem Bau krieche ich ins Freie. Der Mond ist hell. Aber der Wald hüllt das Land in seinen Schatten. Doch meine Augen sind wie Feuer. Ihr Glühen durchdringt jede Dunkelheit. Der Nachtwind ist kalt. Es riecht nach Frost. Mein Fell ist rot und dicht. Meine Muskeln sind geschmeidig und stark. Die Kälte des Windes kann mir nichts anhaben. Ich richte mich zur vollen Größe auf. Was verrät mir der Nachtwind? Ich wittere das Fleisch meiner Beute. Sie ist schwach und arglos. Sie wird meinen Hunger stillen. Auf allen Vieren pirsche ich durch das Dickicht. Näher und näher.
Kleine Nager fliehen raschelnd im Unterholz. Doch die Beute flieht nicht. Ich kann ihren Schlaf riechen. Sie ist schutzlos. Geifer tropft von meinen Fängen. Ich kann sie sehen. Zwei Weibchen. Drei Männchen. Ein gezähmtes Tier. Ihr Lagerfeuer ist erloschen. Das Mondlicht fällt von Himmel auf sie herab. Es weiht die Beute meinem Hunger. Dies ist die Nacht des Jägers. Ich kauere mich zum Sprung zusammen. Mit einem kraftvollen Satz in ich mitten in ihrem Lager. Meine Klauen schneiden durch weiches Fleisch. Meine Zähne zerbeißen blanke Kehlen.
Mein Siegesgeheul erfüllt die Nacht.

»Run! Runaway! Scheiße! Was soll der Krach?«
Noch immer schreiend reiße ich die Augen auf. Da ist kein Wald. Nur unser dreckiges, muffiges Zimmer. Neben mir spüre ich die Bewegungen der Gang und höre, wie sie verschlafen durcheinander reden. Sie leben, Gott sei Dank! Es war nur ein Alptraum! Oder war es doch mehr? Mir ist heiß. Unglaublich heiß. Ich bin völlig durchgeschwitzt, die Klamotten kleben mir auf der Haut. Mein Herz hämmert wie eine Kriegstrommel. Alles tut weh. Ich krümme mich zusammen. Ach du Scheiße ..! »Was hat er?« Ich kann kaum verstehen, was die anderen sagen. So laut rauscht mir das Blut in den Ohren. »Ist sicher auf einem Trip«. Etwas stimmt mit meinen Zähen nicht…. Sie sind zu groß! Zu scharf! Speichel läuft mir aus dem Mund. »Hä? Wann hat er denn Pillen eingeworfen?« Die Stimmen der anderen klingen dumpf hinter dem Nebel aus Schmerz, der mich einhüllt.
All meine Muskeln brennen. Und meine Knochen… Ich spüre, wie meine Finger wachsen. Nein! Nicht jetzt! Nicht hier! Das kann nicht sein! Alles war doch gut! Ich war nicht wütend! Ich hab geschlafen! Verzweifelt schießen mir hilflose Gedanken durch den Kopf. Jemand rüttelt mich an meiner Schulter. Ich kann Zorro riechen. Den sauren Schweiß der letzten Wochen. Bier und Gras in seinem Atem. Und noch mehr…
Die Pizza war trocken und kalt. Doch sein Fleisch ist blutig und warm…
Stopp! Das sind nicht meine Gedanken! Das ist die »Krankheit«! Ich muss weg! Schnell! Hastig stoße ich Zorro weg, strampele mich aus meinem Schlafsack frei. Die anderen sitzen um mich herum. Starren mich an. Sagen Dinge, dich ich kaum noch verstehe. Ja! Die Beute ist schwach und arglos! Nein! Sei still! Lass uns in Ruhe! Ich springe auf die Füße. Muss hier weg, bevor ich den Verstand verliere. Bevor das Monster übernimmt. Das Fenster! Die anderen rufen mir nach. Sie versuchen, mich zu halten. Aber ich bin schneller. Raus durch das Fenster, auf den Anbau. Vom Anbau auf die Erde.
Plötzlich schießt eine Schmerzwelle durch meinen Körper. Als würde mein Schädel von innen gesprengt werden. Meine Kiefer wachsen. Der Schmerz pulsiert durch meine Wirbelsäule. Ich breche zusammen. Da sind die Stimmen der anderen. Sie rufen »Runaway« und andere Worte, die nicht mehr zu mir durchdringen. Ich kauere auf dem Boden, halte mich selber fest. Alles schmerzt. Ich stemme mich gegen die »Krankheit«. Ich ringe mit dem wütenden Kerl und gegen die Verwandlung. Das Monster in mir hat Viktor getötet und das Reh gefressen. Noch immer sehe ich den Kadaver des Tieres vor mir. Aufgerissen, zerfleischt, umschwärmt von Fliegen. Wenn Runaway verliert, wird das Monstrum auch die Gang töten. Das darf ich nicht zulassen! Ich presse meine Raubtierzähne aufeinander. Kneife meine Augen fest zu. Rolle mich zu einem zitternden Klumpen zusammen. Mache aus meinem Körper ein Gefängnis. Bleib drinnen! Ich lass dich nicht raus! Bleib drinnen!
Lass mich raus, Schwächling! Der Mond ruft! Lass mich jagen!
Ich lass dich nicht raus! Ich lass dich nicht raus! Ich! Lass! Dich! Nicht! Raus!
Der Schmerz wird etwas schwächer. Mein Herz pocht, mein Schädel dröhnt. Mein langes Haar hängt mir schweißnass in den Augen. Ich weiß, dass es nun blutrot ist. Aber das Brennen in meinen Muskeln klingt langsam ab. Noch immer spüre ich die »Krankheit« in mir. Aber ich höre die Stimme des wütenden Kerls nicht mehr. Ich konnte die Verwandlung tatsächlich stoppen.
»Scheiße! Was ist das?«, ruft Paul. Ausgerechnet der Stille, der sonst kaum was sagt. Ich öffne die Augen. Die anderen sind vor mir zurückgewichen. Sie starren mich an. Voller Angst. Voller Abscheu. Ich blicke auf meine Hände. Die langen Finger enden in scharfen Klauen. Ich taste zitternd über mein Gesicht und finde hinter meinen aufgeplatzten Lippen lauter Reißzähne.
Zu spät. Die Verwandlung hatte schon begonnen. Ich bin am Arsch. Zorro findet seine Fassung wieder. Plötzlich blitzt die Klinge seines Butterflymessers im Licht der Straßenlaternen auf. »Was bist du für ein Freak?«, fragt er mit kalter Stimme.
Paul zückt ebenfalls ein Messer. Fritte hat Piggy an sich gedrückt. Tascha und Sally halten sich gegenseitig im Arm. Ich hebe die Hand, will eine beruhigende Geste machen. Doch meine Klauen lassen die anderen einen Schritt zurückschrecken. Nur Zorro bleibt stehen, sein Messer entschlossen auf mich gerichtet. Mein Körper fühlt sich bleischwer an. Den wütenden Kerl zurückzudrängen, hat mich all meine Kraft gekostet. Selbst als Zorro auf mich zugeht, um mich abzustechen, kann ich kaum von ihm wegrutschen.
Das war’s dann…

»Was für eine Vorstellung!«
Raues Gelächter dröhnt über den Hinterhof. Die Gang fährt mit einem Schreckensschrei herum. Ich schaffe es, ein Stück zur Seite zu kriechen. Jetzt fällt mein Blick auf die Silhouette eines großen, kräftigen Kerls. Er lehnt lässig an der Hausecke, einen Zigarettenstummel in der Hand. Der Typ lässt die glühende Kippe auf den Boden fallen und tritt sie mit dem Stiefel aus. Er trägt einen Mantel, der ihm ein Stück zu klein ist. Sein Gesicht liegt im Schatten. Doch sein Bürstenschnitt erinnert er mich an den Spießer aus dem Bibliotheksklo. Kann aber nicht sein. Der Typ war einen ganzen Kopf kleiner als dieser breitschultrige Kerl dort. »Scheiße, wer ist das?«, kreischt Sally ängstlich. Zorro wirft mir einen drohenden Blick zu. »Unten bleiben!«, zischt er und signalisiert Paul, dass er mich im Blick behalten soll. Dann geht Zorro ruhig auf den Fremden zu. »Kumpel, ich weiß nicht, was du hier zu suchen hast, aber du verziehst dich besser!« Wie beiläufig lässt er sein Butterflymesser wirbeln. »Ich will nicht, dass du denkst, hier geht irgendwas ab, weshalb du dich einmischen solltest. Das ist Familiensache. Klaro?«
Zorro steht dem Fremden direkt gegenüber. Der Kerl nickt bloß.
Plötzlich schießt seine Hand nach vorne. Sie packt zu, verdreht Zorros Handgelenk mit einem brutalen Ruck. Die Kochen knacken laut, als sie brechen. Zorro kreischt. Sein Messer fällt klirrend in den Dreck. Die Gang schreit vor Entsetzen. Ich auch.
Der Fremde stößt Zorro von sich weg. »Der da muss in die Notaufnahme«, sagt er beiläufig. »Mein Vorschlag: ihr anderen bringt ihn dorthin, solange der Rest von euch noch laufen kann!« Sally reißt sich von Tascha los, fängt den taumelnden Zorro auf. Fritte heult, Piggy kläfft hysterisch. Tascha flucht hemmungslos auf Russisch. Paul packt den wimmernden Zorro und Sally, zerrt beide hinter sich her. »Abhauen!«, schreit er. So schnell sie können, quetschen sich alle durch eine Lücke im Bauzaun und verschwinden im Dunkel der Nacht.
Ich schaffe es gerade so, mich aufzurappeln. Vor Schwäche zitternd stehe ich da, ohne eine Chance zur Flucht. Der Fremde tritt aus den Schatten in das Licht der Laternen. Sein Haar ist tiefschwarz, seine eigentlich blauen Augen brennen gelb. Unter seinem Mantel, der einen derben Gestank nach Zigarettenrauch verströmt, zeichnet sich ein muskulöser Körper ab. Die Silberkette liegt eng wie ein Ring um seinen Hals. Ich starre auf die Klauen an seinen behaarten Händen. Auf die scharfen Reißzähne, die wie Speerspitzen aus Elfenbein in seinen Maul glänzen. Er ist es doch: der Kerl aus dem Bibliotheksklo! Allerdings eine monströse Horrorversion von ihm.
Er knurrt grimmig. »Du schuldest mir ein paar Erklärungen, Welpe! Wer bist du? Und was für ein kindisches Theater ziehst du hier ab?« Ich kann nicht anders. Trotz meiner restlichen Schmerzen breche ich in ein gequältes, bitteres Gelächter aus. „Verdammt gute Fragen. Hast du zufällig Antworten?“ Dann sacke ich kraftlos gegen die Hauswand.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert