Die Vettel

Mit der eigenen Kindheit hat es meist eine eigenartige Bewandtnis. Solange wir jung sind, wollen wir so schnell wie möglich größer werden. Mehr Freiheiten und mehr Selbstbestimmung erlangen. Wenn wir dann Erwachsene sind – was immer genau das auch im Einzelfall bedeuten mag – gibt es die einen, die sich voll verklärter Sehnsucht an jene Zeit erinnern, in der sie behütet wurden und keine Sorgen zu kennen schienen. Andere Menschen scheinen so sehr zu ernsten, fantasielosen Erwachsenen degeneriert zu sein, dass es unvorstellbar ist, dass sie einst kleine Mädchen und Jungen waren. Und dann gibt es da noch solche wie mich. Typen, die versuchen, die Schatten und Schrecken ihrer Kindheit so weit es geht zu vergessen. Natürlich weiß ich noch, wie unsere winzige, schäbige Wohnung aussah, welchen Schulweg ich täglich nahm und dass ich im Späti um die Ecke immer saure Drops gekauft habe. Doch andere, dunklere Dinge, die in den aufgeklärten Ohren eines Erwachsenen wie alberne Schauermärchen klingen, hatte ich jahrelang erfolgreich verdrängt. Aber Erinnerungen können geduldig am Rande unseres Bewusstseins lauern. Darauf, dass ein flüchtiger Sinneseindruck im Hier und Jetzt es ihnen gestattet, wieder aus dem Vergessen hervorzutreten. Sie warten begierig auf ihre Chance, um uns anzufallen.

Bei mir war es heute soweit. Ich saß gerädert von der Arbeit an der Haltestation meiner U-Bahn und wollte nur noch nach Hause. Mein Blick schweifte ohne echtes Interesse über eine große Infotafel an der gekachelten Wand der Station entlang. Neben anderen Plakaten hing dort die Vermisstenanzeige eines 15jährigen Teenagers. Sachdienliche Hinweise nimmt jede Polizeistation entgegen, bla, bla. Nichts, das allein ausgereicht hätte, um meine tief vergrabenen Erinnerungen zu entfesseln. Doch dann kroch aus einem Loch in den blassgelben Fliesen eine schwarze Ratte heraus, trippelte ungeniert zu einer weggeworfenen Dönerbox, die unterhalb des Plakates lag und begann hörbar zu fressen. Plötzlich schien sich der leere Blick des Jungen auf dem Suchplakat in meine Augen zu bohren. Das Schmatzen der Ratte erklang widerlich feucht in meinen Ohren. Meine Erinnerungen platzen aus der Dunkelheit hervor, überrollten mich wie eine einfahrende U-Bahn:
Jönar, Melinda, Reiko, der Mercedesstern und … die Vettel. All das durchzuckte mich wie ein Blitzschlag. Mit rasendem Herzen sprang ich auf, unfähig hier weiter still herumzusitzen. Ich wollte nur noch weg! Schnell rannte ich die Treppe der U-Bahnstation hinauf ins Freie, hastete durch die fünf Blocks bis zu meiner Wohnung. Nun sitze ich hier, klammere mich an einer heißen Fünf-Minuten-Terrine fest und frage mich, was von meinen entfesselten Erinnerungen meiner kindlichen, verzerrten Wahrnehmung von damals entsprungen ist und was davon die unheimliche, bizarre Wahrheit sein mag…

Ich wuchs unter miesen Umständen auf. Mein Vater war schon vor meinem dritten Geburtstag auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Meine Mutter knechtete als Schichtarbeiterin in einer Fabrik, damit wir es irgendwie von Monat zu Monat schafften. Als später dann meine Großmutter gestorben war, waren wir zwei völlig auf uns allein gestellt. Das machte mich zu einem Schlüsselkind: Wenn ich aus der Schule kam, schloss ich mir die Tür auf und kümmerte mich selbst um mich, bis meine Mutter spät abends heimkam. Wir lebten in einem gedrungenen Wohnkomplex, der einen verwinkelten Innenhof umschloss und einen eigenen, tristen Mikrokosmos bildete. Graffiti bedeckten den bröckelnden Putz der Wände.
Die Müllcontainer im Innenhof quollen meist über. Zwischen den Pflastersteinen sprossen Löwenzahn und glitzerten Glasscherben. Ein großer Durchgang führte nach vorne zur Hauptstraße. Ein kleinerer, in dem es immer nach Urin roch, führte nach hinten zu einer verwilderten Grünanlage. Dort gab es sogar einen Spielplatz, der seine besten Tage aber schon lange hinter sich hatte. Eine Rutsche, eine Wippe und ein rostiges Klettergerüst aus Metall, von dem die Farbe abblätterte. Mehr war da nicht. Kein Plan, wie viele Menschen damals in unserem großen, dunklen Haus lebten. Ich weiß nur noch, dass es eine Ansammlung von verhärmten Alten, armen Familien und schrägen Vögeln war. Andauernd knallten Türen zu, hinter denen noch Gesprächsfetzen in unterschiedlichen Sprachen hörbar waren. Durch die Korridore und Treppenhäuser zogen Essensdüfte und der kalte Rauch von Zigaretten. Damals, ich war so neun oder zehn Jahre alt, hing ich fast jeden Tag mit Jönar und seiner kleinen Schwester Melinda ab. Sie lebten mit ihren Eltern auf der gleichen Etage wie meine Mutter und ich. Manchmal durfte ich sogar bei ihnen mitessen. Meistens waren wir draußen unterwegs. Wir trieben uns auf dem Spielplatz herum, bis uns die älteren Kids verjagten, weil sie dort in Ruhe rauchen und trinken wollten. Dann vorzogen wir uns in unsere Ecke des Innenhofes und kletterten auf dem alten Sofa und den gammeligen Europaletten herum, die irgendwann dort gestrandet waren.

»He, was ist mit dem Schutzgeld für diese Woche?«, riss uns eines Tages eine drohende Stimme aus unserem Spiel. Sie gehörte zu Reiko, einem Teenager mit roten Pickeln und schmalen Augen. Er trug immer eine Jeansweste mit jeder Menge Aufnähern und einem Mercedesstern. Den musste er sich weit weg von unserem Viertel von irgendeiner Angeberkarre abgebrochen haben. Reiko wohnte erst seit ein paar Wochen bei uns im Haus. Diese kurze Zeit hatte er genutzt, um zwei Spießgesellen, Werner und Karl, um sich zu scharen. Das Trio hatte die Masche etabliert, uns jüngere Kinder herumzustoßen und abzuziehen. Wer das wöchentlichen Schutzgeld nicht zahlen konnte, der kassierte Schläge. Heute denke ich, was für feige Arschlöcher die drei gewesen sein müssen. Als Kinder hatten meine Freunde und ich einfach nur eine Scheißangst vor ihnen. Klar hatten wir versucht, ihnen nicht in die Quere zu kommen. Doch das Trio kannte unseren Schulweg und wusste, auf welcher Etage wir wohnten. Früher oder später erwischten sie uns also immer. So wie an diesem Tag. Reiko stemmte die Fäuste in seine Hüften und spuckte auf den Boden. »Was ist jetzt? Ich will meine Kohle sehen!« Melinda versuchte sich hinter Jönar zu verstecken, während wir Jungs mit zitternden Fingern ein paar Münzen aus den Hosentaschen kramten und sie in Karls ausgestreckte Handfläche fallen ließen. »Ist das etwa alles?«, schnauzte Reiko, als er die magere Ausbeute sah. »Mehr haben wir nicht«, murmelte Jönar und wagte es nicht, den Blick von seinen Schuhspitzen loszureißen. »Ich auch nicht«, fügte ich mit bebender Stimme hinzu. »Ist das mein Problem?«, fragte Reiko höhnisch. »Dann klaut halt mehr von euren Eltern!« Sein gieriger Blick fiel auf Melinda, die sich noch immer hinter ihrem größeren Bruder duckte. »Hey, was hast du denn da?« Er grapschte nach ihr, doch zu dritt wichen wir erschrocken vor ihm zurück. »Was ist das für eine Kette?« Melinda umfasste panisch den kleinen Anhänger, den sie jeden Tag trug und ließ ihn im Halsausschnitt ihres T-Shirts verschwinden. »Ist der was wert?«, fragte Werner. Melinda sagte nichts. Sie begann nur zu weinen. »Und schon heult sie!«, prustete Karl lachend los. Voll hilfloser Wut rückte ich näher an Jönar und Melinda heran. Doch ich war zu feige, um etwas zu sagen. Reiko schnaubte verächtlich. Er riss Karl unser Geld aus der Hand. »Ihr kleinen Scheißer habt verdammtes Glück, dass ich heute gut drauf bin«, spottete er. »Ich könnt verduften. Aber nächste Woche will ich von jedem von euch mindestens nen Zehner sehen, ist das klar? Sonst gibt es Schläge.« Ein fieses Grinsen stahl sich in sein verpickeltes Gesicht.
»Oder ich verfüttere euch an die Vettel!«

Die Vettel … im Laufe meines späteren Lebens sind mir viele Urbane Legenden zu Gehör gekommen. Alligatoren in der Kanalisation. Serienmörder, die aus der Irrenanstalt geflohen sind. Geister, die erscheinen, wenn du sie um Mitternacht vor dem Spiegel stehend dreimal beim Namen rufst. Doch der erste dieser düsteren Mythen durchkreuzte mein Leben in meiner frühen Kindheit. Eine dunkle Warnung, die von Kindergeneration zu Kindergeneration auf Schulöfen und Spielplätzen im Flüsterton weitererzählt worden ist. Eine gruselige Geschichte, die für uns Kinder furchteinflößende Realität war und von Erwachsenen als Unsinn abgetan und vergessen wurde. So auch von mir. Bis ich heute das Plakat über den vermissten Teenager sah und das Schmatzen der Ratte hörte. In diesem Augenblick zerriss der Schleier des Vergessens und die Schrecken alter Kindertage geistern mir wieder durch den Verstand. Die Vettel … das war eine hexengleiche, buckelige Kreatur, die in Lumpen gehüllt Nacht für Nacht durch die Gossen und Straßen unserer Stadt schlich. Immer auf der Suche nach  unvorsichtigen Kindern, um sie zu verschleppen und aufzufressen. Ich hörte, dass sie einmal in dem verwilderten Park hinter unserem Block gesehen worden war. Dort hockte die Vettel auf einer Bank, in den Klauen den Kadaver einer Straßenkatze, an dem sie hungrig nagte. Eine andere Geschichte erzählte von einem Mädchen, das spät abends auf ihrem Heimweg an einer unbeleuchteten Ecke vorbeiging. Als es ein grunzendes Schnüffeln hinter sich hörte, warf das Mädchen einen Blick über die Schulter zurück. Es erblickte die bucklige Gestalt der Vettel. Sie schob sich halb aus der dunklen Ecke heraus, starrte dem Mädchen witternd und schnüffelnd nach. Das Mädchen rannte, so schnell es konnte, nach Hause. Zwar hatte es keine Augen im Schatten der zerlumpten Kapuze erkennen können. Doch der Böse Blick der Hexe verfolgte das Mädchen noch Wochen später. Allerdings war die Vettel kein Schreckgespenst, das einfach nicht zu begreifen war. Diese Hexe war keine ausgedachte Märchengestalt. Sie war viel schlimmer – und real.

Die Vettel lebte unter dem gleichen Dach wie Melinda, Jönar und ich. In der hintersten Ecke unseres verwinkelten Hinterhofes gab es eine Kellerwohnung, die einzige dieser Art in unserem Haus. Eine schmale Treppe mit ausgetretenen Stufen führte seitlich hinab zu einer rostigen Tür. Dahinter hauste die Hexe. Wir alle wussten es. Ich hatte die Vettel sogar schon selbst gesehen. Eines Nachts wachte ich auf, weil ich dringend aufs Klo musste. Ich wälzte mich von meiner Matratze und schlich aus meinem Zimmer durch das Wohnzimmer. Meine Mutter hatte keinen eigenen Raum für sich in unserer winzigen Wohnung. Weil sie daher im Wohnzimmer schlief, ließ ich das Licht aus. So tastete ich mich im Dunklen zu unserem kleinen Bad vor. Nachdem ich gepinkelt hatte, tappte ich mucksmäuschenstill zurück in mein Zimmer. Anstatt mich gleich wieder unter meiner Decke zu verkriechen, blickte ich aus dem Fenster hinab in den nächtlichen Hof. Dort sah ich sie. Eine dunkle, gebeugte und unförmige Gestalt, die schweren Schrittes den asphaltierten Platz überquerte. Sie trat in das flackernde, schwache Licht einer der wenigen noch funktionierenden Lampen. In dem trüben, unregelmäßigen Schein sah ich, dass sich die Lumpengestalt einen ausgebeulten, feucht glänzenden Sack auf ihrem Buckel geladen hatte. Unter dem Saum ihres Rockes, der den Boden fegte, meinte ich kurz einen langen, haarlosen Schwanz hervor zucken zu sehen. Vor Schreck hatte ich wie am Spieß geschrien. Meine Mutter erwachte und kam zu mir. Doch da war die Vettel schon verschwunden gewesen. Meine Mutter meinte, ich hätte bloß einen Alptraum gehabt. Wenn es doch nur so gewesen wäre…

Reiko spielte jedenfalls geschickt mit unseren Ängsten. Immer, wenn wir dem Trio in den folgenden Tagen begegneten, erinnerte er uns an das Geld, was wir ihm bringen sollten. »Anderenfalls werfe ich euch der Vettel zum Fraß vor!«
Er wusste sogar, wann wir allein zu Hause waren. Dann klopften Reiko, Werner und Karl an unsere Wohnungstüren und riefen uns zu, wie viel Zeit wir noch hatten, bis wir zahlen mussten. Natürlich dachten wir nicht daran, unsere Eltern um Hilfe zu bitten. Das Geld würden sie uns nie geben. Dafür waren wir zu arm. Und von unseren Problemen mit Reiko und seinen Spießgesellen berichteten wir auch nicht. Wie hätten die Eltern uns schon vor dem Trio schützen können? Und dass es Petzen besonders schlecht ergeht, ist eine Tatsache, so alt wie die Menschheit selbst. Also taten Melinda, Jönar und ich unser Bestes, um die geforderte Summe zusammen zu bekommen. Wir schlachteten mein Sparschwein, in dem sich aber nur ein Fünfer und etwas Kleingeld befanden. Melinda und Jönar hatten noch weniger. Wir suchten die Straßen und unsere Sofaritzen nach verlorenen Münzen ab. Doch die drei Zehner bekamen wir nicht zusammen. In unserer Verzweiflung planten Jönar und ich sogar, Dinge im Späti um die Ecke zu klauen. Süßigkeiten, vielleicht sogar eine Flasche Schnaps, und die Beute anschließend zu verticken. Doch dann hatten wir zu viel Schiss, bei dem Diebstahl erwischt zu werden, um unseren Plan durchzuziehen. Der Zahltag rückte näher und näher, unsere Verzweiflung wuchs und wuchs.

Als es soweit war, hätte ich liebend gern den Kranken gespielt und wäre zu Hause geblieben. Doch das konnte ich Melinda und Jönar nicht antun. In der Schule sammelten wir das wenige Geld, was wir zusammengekratzt hatten, in ein Taschentuch. Wir hofften, die Sache irgendwie doch noch überstehen zu können. Als wir unser Haus erreichten, fingen uns Karl und Werner ab. Sie drängten uns drei in den hinteren Teil des Hofes, in dem sie immer mit Reiko herumlungerten. Von dem fehlte jedoch jede Spur. »Habt ihr die Kohle?«, wollte Werner gleich wissen. »Wo ist Reiko?«, fragte Jönar misstrauisch. Wir waren erst neun oder zehn, aber nicht blöd. Wenn die beiden unser Geld kassierten, es aber nicht an ihren Boss aushändigten, würden wir die Zeche dafür zahlen müssen. Mir fiel auf, dass Karl etwas besorgt zu Boden blickte. Doch Werner schnauzte Jönar an: »Das braucht dich nicht interessieren! Rückt lieber das Geld raus!« Er deutete auf den nahen Treppenabgang, der hinab zu Behausung der Vettel führte. »Oder sollen wir euch zu ihr bringen?« Eingeschüchtert holten wir das Taschentuch hervor. Werner riss es auseinander, zählte das Geld für seinen Boss. »Ist das etwa alles? Wollt ihr uns verarschen?« Ängstlich wichen wir einen Schritt zurück. »Lass doch gut sein«, murrte Karl. »Warum? Nur weil Reiko sich vor zwei Tagen verpisst hat? Du Schlappschwanz!«, stieß Werner hervor. Melinda, Jönar und ich wechselten ein paar Blicke. Was sollte das heißen, dass Reiko nicht da war? Werner knüllte das Taschentuch zusammen und stopfte es mit dem Geld in Karls Hände. »Das reicht dem Boss nicht! Wenn er wiederkommt, gibt es Schläge!«, drohte er. Sein Blick blieb an Melindas Kette haften. Mit einem Satz sprang er vor, stieß Jönar und mich zu Boden. Als ich mich aufrappelte, hatte er bereits Melinda gepackt. Sie kreischte laut, doch bevor wir etwas unternehmen konnten, hatte Werner ihr die Kette vom Hals gerissen. Triumphierend schwang er den Anhänger. »Wir können ja den als Ausgleich nehmen!«, rief er grinsend. Melinda weinte, Jönar kochte vor Wut. »Die Kette hat sie von unserer Oma!«, protestierte er. Werner lachte dreckig. »Und wenn schon! Die verticken wir!«
»Glaubst du echt, für das kleine Glitzerteil bekommen wir Geld? Schwachsinn!«, warf Karl ein. Werner runzelte die Stirn. »So? Meinst du?« Er zuckte mit den Achseln. »Scheiß drauf! Hast wahrscheinlich recht!« Dann warf er Melindas Kette mit Schwung den Treppenabgang hinab. »Du Arschloch!«, platzte es unüberlegt aus Jönar hervor. Er war wütend auf sich selbst, weil er seine Schwester nicht vor diesen beiden Typen beschützen konnte. »Halt dein Maul«, knurrte Werner. Seine Faust stieß vorwärts und schlug Jönar hart in den Magen, so dass er zu Boden ging. Nun brannten bei mir die Sicherungen durch. Schreiend warf ich mich auf Werner und schlug ihm auf den Rücken. Sofort riss Karl mich von seinem Kumpanen herunter und schleuderte mich auf den Asphalt. Ich machte mich auf die Prügel meines Lebens bereit. Doch Werner und Karl lachten nur verächtlich über uns. Dann gingen sie einfach weg.

»Ist bei euch alles okay?«, fragte ich besorgt. Jönar nickte mit verkrampften Gesicht und hielt sich den schmerzenden Bauch, während Melinda ihm beim Aufstehen half. »Nur … meine Kette…«, schluchzte sie. Ich straffte meine Schultern. »Die hole ich dir!« Bevor die beiden etwas erwidern konnten, war ich schon hinüber zur Kellertreppe gelaufen. Da stand ich nun und starrte hinunter. Rechts unten war die rostige Metalltür, die zur Behausung der Vettel führte. Der Boden davor war mit vertrocknetem Laub und Schmutz bedeckt. Melindas Kette musste mitten zwischen diesen Blättern gelandet sein.
Mit klopfenden Herzen und wackligen Knien wagte ich mich die Treppe Stufe um Stufe hinab. Es gab ein zwar ein Fenster, doch das war blind vor Dreck und zudem mit einem schweren, dunklen Stoff verhangen. Gut so. Wenn ich nicht hineinblicken konnte, konnte mich die Vettel auch nicht sehen. Das hoffte ich jedenfalls. Mein Mund wurde staubtrocken, während ich langsam weiter nach unten ging. Sicher schläft sie tagsüber und kommt nicht raus, versuchte ich vergeblich, mich zu beruhigen. Nach einer gefühlten Ewigkeit war ich am Fuß der Treppe angekommen. Das Laub lag hier in einem großen Haufen in der Ecke. Von der Kette war nichts zu sehen. Mit angehaltenen Atem und zitternden Fingern durchsuchte ich die abgestorbenen Blätter. Ihr Rascheln knisterte unnatürlich laut in meinen Ohren. Ich ertastete Laub, Scherben, Kronkorken, Dreck … Mich beschlich das Gefühl, dass jeden Augenblick etwas Schreckliches gesehen musste. Da stießen meine suchenden Fingerspitzen auf etwas silbern Glitzerndes. Mit einem Gefühl der Erleichterung zog ich mit der linken Hand Melindas Anhänger aus dem Unrat hervor. Jetzt nichts wie weg hier! Doch als ich zu hastig aufstehen wollte, geriet ich aus dem Gleichgewicht. Fast wäre ich unsanft auf dem Hintern gelandet. Im letzten Augenblick konnte ich mich mit der rechten Hand an der Metalltür abstützen. Ich atmete tief durch, wollte mich vollends aufrichten – es ging nicht.
Fassungslos starrte ich meine rechte Hand an. Ich konnte sie nicht von dem rostenden Türblatt lösen. Meine schweißnasse Hand klebte an dem kalten Metall. Ich hing fest wie ein todgeweihter Brummer an einem Fliegenfänger. Ich wollte um Hilfe rufen, doch aus meiner trockenen Kehle kam kein Laut. Ich stopfte die Kette in meine Hosentasche, packte mein rechtes Handgelenk mit meiner linken, zog und zerrte daran. Nichts. Meine Hand hing bombenfest an der Tür. Wie verhext. Bevor ich einen weiteren Gedanken fassen konnte, hörte ich das leise Klicken eines sich öffnenden Schlosses. Ein kurzes Quietschen folgte, als die Tür einen kleinen Spalt aufschwang. Ich war gezwungen, ihrer Bewegung zu folgen. Jetzt kämpfte sich doch ein Schrei nach meiner Mutter meine kindliche Kehle empor. Bevor er jedoch über meine Lippen kommen konnte, packten mich zwei starke Pranken. Die erste Hand stülpte sich über meinen Mund und erstickte jeden Laut, den ich hätte von mir geben können. Die zweite packte mich am Kragen. Ohne Mühen zerrte sie mich von der Tür los und halb in die finstere Öffnung dahinter. »Ei, schau! Wen haben wir denn da?« Die Stimme klang unangenehm hoch in meinen Ohren. »Es ist lange her, dass sich eine freche, kleine Fliege von selbst in das Netz der Spinne verirrt hat, ja?« Über mir ragte die bucklige, verwachsende Gestalt der Vettel auf. Ihr wahres Äußeres wurde von mehreren Lagen dunkler, verwaschener Lumpen verhüllt. Selbst von ihrem Gesicht war nichts zu erkennen. Dort war nur ein schwarzer Fleck unter einer großen Kapuze. Sie hielt mich am Kragen hoch, so dass meine Beine hilflos in der Luft strampelten. Ihre andere Hand bedeckte immer noch meinen Mund und die Nase. Ich konnte nicht atmen. Mein pochendes Herz drohte vor Panik zu platzen. Plötzlich gab die Vettel mein Gesicht frei. Gierig rang ich nach Luft. Im selben Augenblick zog mich die vermummte Kreatur näher an ihr im Dunklen liegendes Antlitz heran. Fauchend atmete sie aus. Ihr saurer, giftiger Atem füllte meine Lungen, raubte mir fast die Sinne. Benommen sackte ich in ihrem Griff zusammen. Mir war übel. Nur mit aller Mühe gelang es mir, meine Augen offen zu halten. So sah ich, wie die Vettel einen Teil ihrer Lumpen zurückstreifte, um ihr Gesicht zu offenbaren. Wäre ich nicht so benommen gewesen, hätte ich erneut versucht zu schreien. Strähniges, eisgraues Haar hing ihr in das faltige Gesicht. Ihre Nase war zu groß, ein spitzer Zinken, der ihre Hexenfratze dominierte. Unter dunklen, dicken Brauen glänzten ihre Augen wie tiefschwarze, rötlich schimmernde Halbkugeln. Sie quollen aus ihren fast seitlich am Kopf sitzenden Höhlen hervor, böse funkelnd. Der Mund der Vettel war ein langer, schaler Strich, gesäumt von blauvioletten Lippen. »Nun, was haben wir denn hier? Ein kleiner Happen?« Benebelt merkte ich, wie die Vettel mich auf den Treppenstufen ablegte. Schwach hob ich die Arme, um sie abzuwehren. Doch halb betäubt durch ihren giftigem Atem konnte ich nichts tun. Quiekend wuselte eine Ratte zwischen Fetzen ihrer Kleidung hervor, trippelte über meinen Brustkorb und verschwand in einem Riss in der Wand. Ich nahm es kaum wahr. Die Vettel beugte sich schnüffelnd über mich. Um ihren Hals hingen, halb von den Lumpen verdeckt, mehrere Schnüre, auf die irgendwelche Talismane oder so ein Zeug aufgefädelt worden waren. Sie öffnete ihre welken Lippen. Dahinter wuchsen Reihen an gelben, krummen Zähnen. Besonders die Schneidezähne waren schrecklich groß und scharf; sie warteten darauf, mir das Fleisch von den Knochen zu nagen. Die Kiefer taten sich noch weiter auf. Eine lange, warzige Zunge schlängelte sich an den Zähnen vorbei. Ekelhaft feucht schleckte mir die Vettel über die Wange, als prüfte meinen Geschmack. »Chchch«, fauchte sie leise. Ihre Zuge verschwand wieder zwischen gelben Zähnen und violetten Lippen. »Gutes Kind!«, stieß die Vettel angewidert hervor. Sie spie vor mir auf den Boden, dann wischte sie sich ihr Maul ab. „Geh heim! Ich haben genug zum Schmausen!“ Damit verschwand sie in ihrer Behausung. Die Tür viel krachend ins Schloss. Mir wurde endgültig schwarz vor Augen.

Soweit ich mich jetzt erinnere, zog mich Jönar kurz darauf die Treppe hoch. Melinda rief ihre Eltern um Hilfe. Die riefen wiederum in der Fabrik an. Meine Mutter kam und brachte mich zum Arzt. Eine geschlagene Woche lag ich mit hohem Fieber krank im Bett. Immer wieder musste ich mich übergeben. Zwar erzählte ich meiner Mutter, was geschehen war.
Doch sie tat alles als eine Ausgeburt meiner Fieberfantasien und Albträume ab. »In der Kellerwohnung lebt doch bloß eine ganz verarmte, alte Frau. Ihr Kinder solltet sie einfach in Frieden lassen.«
Und das taten wir. Jönar, Melinda und ich betraten den hinteren Teil des Hofes nicht mehr. Stattdessen trieben wir uns an anderen Orten herum. Die Jahre vergingen und die gruseligen Geschichten unserer Kindertage wurden mit der Zeit von den neuen Gefühlen und Interessen der Pubertät verdrängt. Meine Freunde und ich lebten uns auseinander. Melinda, Jönar und ich wurden erwachsen, jeder ging seine eigenen Wege. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon längst meine Begegnung mit der Vettel vergessen. Bis ich heute, mehr als dreißig Jahre später, das Plakat mit dem vermissten Teenager sah und das Schmatzen der Ratte hörte. Jetzt erinnere ich mich wieder an alles. Auch daran, dass Reiko nie wieder auftauchte. Daran, dass es Fotos von ihm in der Zeitung und an Laternenmasten gab. Daran, dass die Polizei schließlich meinte, er sei sicher bloß in eine andere Stadt abgehauen und die Ermittlungen einstellte. Doch das wage ich zu bezweifeln. Ich erinnere mich wieder an mein Zusammentreffen mit der Vettel. An die Schnüre mit Talismanen, die ich für einen kurzen Moment unter ihren dunklen Lumpen sehen konnte. An Reikos Mercedesstern, der dort zusammen mit Haarspangen und Buttons als Trophäe hing.
»Ich habe genug zum Schmausen!«
Reiko war wohl mehr nach ihrem Geschmack gewesen.

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